Der Drache wird grün

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Buchvorstellung – The Greening of Capitalism. Es klingt unglaublich: China entwickelt sich zum Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit. Warum das so ist, beschreibt Vordenker John Mathews in seinem neuen Buch. Ein Vorabdruck.


Die derzeit laufende Transformation Chinas und Indiens zu Wirtschaftsgiganten vollzieht sich 1000-mal schneller als die erste industrielle Revolution in den Staaten des Westens. Dort befeuerten vermeintlich unbegrenzt verfügbare fossile Brennstoffe den Aufschwung. Wird dieser Prozess in Asien nach demselben Muster ablaufen können? Ich glaube nicht.

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Steppen-Kraftwerk – Windparks in der Inneren Mongolei liefern Strom für Chinas Metropolen.

Dieses industrielle Modell hat der entwickelten Welt zwar gute Dienste geleistet und den Lebensstandard in Europa, Nordamerika und Japan auf ein zuvor nie gekanntes Niveau gehoben. Doch es lässt sich so nicht skalieren. Weiteren Milliarden Menschen in China, Indien, Brasilien und anderswo kann diese Form des Wirtschaftens nicht helfen – jedenfalls nicht, ohne die Ressourcen der Erde im Übermaß zu beanspruchen.

Würden die aufstrebenden Länder in Asien, Lateinamerika und Afrika fossile Brennstoffe genauso verschwenderisch wie die alten Industrienationen verbrauchen, würde das neben der Umweltzerstörung unvermeidlich zu Ressourcenkriegen (gegeneinander und gegen bereits industrialisierte Länder) führen. Denn die Rohstoffe werden zur Neige gehen. Wenn wir mit der Ökologisierung des Kapitalismus vorankommen wollen, ist ein anderes Modell gefragt.

Erforderlich sind spürbare und tief greifende Veränderungen. Die Begriffe grüne Entwicklung und grünes Wachstum lassen sich zwar sehr unterschiedlich interpretieren. Im Kern aber stehen sie immer für ein Industriemodell, das nicht mehr auf fossilen Brennstoffen und großzügigem Ressourcenverbrauch basiert. Die ersten Schritte dabei sind klein, doch das Ziel ist stets eine Industrialisierung mit weniger Umweltbelastung.

Ein solches alternatives Wachstums- und Entwicklungsmodell entsteht derzeit in Asien, vor allem in China. Der aktuelle zwölfte Fünfjahresplan des Landes ist wohl die beste Vorlage für die Ökologisierung einer Industrienation, die es bisher gab. Auch Südkorea, ein weiterer ostasiatischer Staat, hat eine eigene Strategie für grünes Wachstum initiiert. Wichtig ist: Beide Initiativen basieren auf intelligenter staatlicher Intervention und gelenkter Transformation.

Marktführer bei den Erneuerbaren

Mit seiner Festlegung auf grüne Entwicklung hat China viele überrascht, ebenso mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in einem für den Westen unerhörten Tempo. Bereits 2013 hat das Land Anlagen zur Erzeugung von Grünstrom mit mehr Leistung installiert, als nukleare und thermische Kraftwerke bieten. Seit dem selben Jahr besitzt es die größte Branche für erneuerbare Energien der Welt.

Aber das Reich der Mitte entwickelt nicht nur neue Produkte zur Stromerzeugung und zur Steigerung der Energieeffizienz. Es investiert auch enorme Summen in die Modernisierung seines Stromnetzes, damit es Elektrizität aus unterschiedlichsten Quellen transportieren kann. Die Rede ist von einem intelligenten und starken Netz, gesteuert von moderner Informationstechnik, das enorme Mengen Strom aus den Wüsten im Westen, wo der Wind ständig weht und die Sonne kräftig scheint, an die Küsten des Landes transportiert. Grund für die Unterstützung der erneuerbaren Energien ist nicht nur der Klimawandel, sondern auch die nationale Sicherheitspolitik. China will ein Energiesystem aufbauen, ohne mit anderen Ländern um fossile Brennstoffe zu konkurrieren und so Kriege zu provozieren.

Darüber hinaus ist das Land dabei, eine Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, in der Abfall zu Rohmaterial wird. Der zwölfte Fünfjahresplan fasst die Mehrfachverwendung von Ressourcen nach dem Prinzip der drei R zusammen – reduzieren, mehrfach gebrauchen
(Englisch: reuse), recyceln.

Dieser Grundsatz ist nicht nur Teil der chinesischen Umweltpolitik, sondern Peking definierte ihn als einen der Hauptentwicklungsziele überhaupt. So lenken die staatlichen Banken über niedrigere Zinssätze Kredite gezielt in grüne Projekte.

Die Lösung liegt im Kapitalismus

Das Beispiel China illustriert, was ich mit grünem Wachstumskapitalismus meine: ein Wirtschaftssystem, das Investitionen in erneuerbare Energien bevorzugt, so umweltfreundlicher wird und das Wachstum von Produktion, Produktivität und Einkommen nicht mit mehr Ressourcenverbrauch erkauft. Wenn in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien ein neuer grüner Wachstumskapitalismus entstehen soll, muss es staatliche Lenkung geben. Wenn die neuen Praktiken ihre Überlegenheit bewiesen haben, könnten auch viele andere Industrie- und Entwicklungsländer sie übernehmen.

Die Eingriffe des Staates, um grünes Wirtschaftswachstum zu fördern, sind eindeutig kapitalistisch, weil sie privates Eigentum an wichtigen Produktionsmitteln zulassen und fördern. Ergänzt werden sie durch ein gut ausgebautes System zur Bereitstellung von Kapital, zum Beispiel für Entrepreneure. Aber zunächst einmal muss der Staat die Wirtschaft auf ihren neuen Pfad bringen, auf dem sie von erneuerbarer Energie vorangetrieben wird und fast alle Ressourcen in Kreisläufen genutzt werden.

Wenn es einmal so weit ist, können die kapitalistischen Werkzeuge Eigentumsrechte, Märkte und kreative Zerstörung ihr volles Potenzial entfalten und so zum erhofften Ergebnis führen: steigende Einkommen, mehr Wohlstand.

Wenn die globale Erwärmung und all die anderen Nebenwirkungen unserer industriellen Zivilisation eine Folge des Kapitalismus sind, dann müssen wir auch die Lösung im Kapitalismus suchen. In genau derselben Wirtschaftsordnung, die das aktuelle System geschaffen hat, wird sie allerdings nicht zu finden sein. Alles andere wäre nicht akzeptabel, weder für uns noch für den Rest der Welt. Einer solchen positiven kapitalistischen Dynamik können wir getrost die Zukunft unserer Zivilisation anvertrauen.

Übersetzung: Sascha Mattke

greening of kapitalism_johm a. mathews_energy-mag

Greening of Capitalism: How Asia Is Driving the Next Great Transformation
Stanford University Press 2015

Greening of Capitalism im iTunes Store >>

Einen längeren Auszug aus dem Buch finden Sie unter green.wiwo.de/gruener_kapitalismus >>

John Mathews_Energy-Mag
John Mathews, 69, ist Professor in Sydney und Rom.
Er lehrt Management und Technikinnovation.

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