Die Sonne wird die wichtigste Energiequelle

Fakten statt Mutmaßungen. Eine Studie des niederländischen Öl-Multies Shell belegt nun: bis zum Jahr 2070 wird die Sonne der wichtigste Energielieferant sein.

Die Experten des Konzerns haben sich die Frage gestellt, wie wir uns in den nächsten 50 Jahren mit Energie versorgen. Das Fazit: Es wird nicht das Öl sein, sondern die Sonne, die die meiste Energie liefert. Vor dem Hintergrund, dass erst kürzlich der deutsche Forschungschef von Shell bei einer Podiumsdiskussion sagte “Peak-Oil ist völlig falsch, wir werden immer genug Fossile haben”, ist das durchaus beachtenswert.

Die Studie wurde unter dem Titel „New Lens Szenarios“ veröffentlicht (frei übersetzt: Neue Blickwinkel-Szenarien). Wie kommen die Shell-Experten zu dem, zumindest für sie, ungewöhnlichen Ergebnis?

Szenario 1: Schwaches Wirtschaftswachstum

Sie beschreiben zwei mögliche Entwicklungspfade für das 21. Jahrhundert, die gänzlich unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesellschaft und das weltweite Energiesystem aufzeigen:

– Szenario 1 („Mountains“-Szenario) beschreibt, dass vergleichsweise sauber verbrennendes Erdgas bis zum Jahr 2030 zur weltweit wichtigsten Energiequelle wird und frühzeitige Maßnahmen zur Begrenzung der CO2-Emissionen erforderlich sind.

– Szenario 2 („Oceans“-Szenario) geht davon aus, dass sich die Solarenergie bis etwa zum Jahr 2070 zur bedeutendsten Energiequelle entwickelt, Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels jedoch langsamer implementiert werden.

Die Szenarien betrachten die Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und im Energie­bereich weit über das Jahr 2100 hinaus. Sie unterstreichen, dass die Regierungspolitik eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft spielen könnte.

„Unternehmen und Regierungen müssen neue Wege der Zusammenarbeit finden. Politische Rahmenbedingungen müssen die Entwicklung und Nutzung sauberer Energie vorantreiben und die Energieeffizienz steigern“, so Peter Voser, CEO Royal Dutch Shell.

Energie-Bedarf verdoppelt

Die Szenarien gehen davon aus, dass sich der globale Energiebedarf im Laufe der nächsten 50 Jahre möglicherweise verdoppelt. Grund: die bis 2060 auf voraussichtlich 9,5 Mrd. Menschen wachsende Weltbevölkerung und das rasante Wachstum in den aufstrebenden Volkswirtschaften.

Beide Szenarien beleuchten die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, die Energieträger sowie die Emission von Treibhausgasen. Dabei zeigen sie überraschende mögliche Entwicklungen auf. Gemeinsam ist beiden Szenarien der fast vollständige Rückgang der Emissionen von Kohlendioxid (CO2) bis zum Jahr 2100 auf Null. Ein Grund hierfür ist der zunehmende Einsatz von Technologien zur Entfernung des CO2 aus der Atmosphäre, beispielsweise durch Verbrennen von Biomasse zur Stromerzeu­gung und der anschließenden unterirdischen Speicherung der Emissionen.

Drastisches Wachstum der Solarenergie

Im „Oceans“-Szenario kommt es im Laufe des Jahrhunderts zu einem drastischen Wachstum der Solarenergie. Dennoch werden mehr fossile Brennstoffe verbraucht und höhere CO2-Emissionen produziert als im „Mountains“-Szenario, mit voraussichtlich weitreichenderen Einflüssen auf das Weltklima.

Die Szenarien beleuchten Bereiche der Politik mit Einfluss auf die Entwicklung von Energieträgern, Energieeffizienz und die Eindämmung der Treibhausgasemissionen. Dazu gehören:

– Maßnahmen, um Städte energieeffizienter zu machen; insbesondere in Asien und anderen Teilen der Welt, in denen die Urbanisierung schnell voranschreitet.

– Verpflichtungen zu höherer Effizienz bei Verkehr und Gebäuden.

– Maßnahmen, um mehr vergleichsweise sauber verbrennendes Erdgas zu fördern – und den Einsatz von Gas bei Stromerzeugung und im Transport zu verstärken.

– Ein Preis für CO2-Emissionen sowie andere Anreize, um die Anwendung von Techniken zur Senkung der Emissionen, insbesondere die Abscheidung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage (CCS) ), zu beschleunigen.

„Mountains“-Szenario

Das „Mountains“-Szenario beschreibt eine Welt mit eher moderatem Wirtschaftswachstum und wichtiger Rolle der Politik bei der Gestaltung des Welt-Energiesystems. Erdgas wird zum Rückgrat der Energieversorgung und ersetzt vielfach Kohle als Brennstoff zur Stromerzeu­gung. Vielfältige Einsatzmöglichkeiten finden sich auch im Transportsektor.

Beim Transport wird die globale Erdölnachfrage um das Jahr 2035 ihren Höchststand erreichen. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnten strom- bzw. wasserstoffbetriebene Pkw und Lkw das Straßenbild dominieren.

Technologien zur CO2-Abschei­dung an Kraftwerken, Raffinerien und anderen industriellen Anlagen (CCS) werden großflächig eingesetzt. Sie helfen, die CO2-Emissionen im Bereich der Stromerzeugung bis zum Jahr 2060 auf Null zu reduzieren. Der Anteil der Kernkraft an der globalen Stromerzeugung wächst bis 2060 um ca. 25 %.

Angesichts dieser Veränderungen des Energiesystems werden die Treibhausgasemissionen nach 2030 sinken. Dennoch wird das Ziel, den Anstieg der globalen Temperaturen auf 2 ° Celsius zu begrenzen, verfehlt.

„Oceans“-Szenario

Das „Oceans“-Szenario sieht eine wohlhabendere, aber volatilere Welt. Marktkräfte spielen hier eine größere, staatliche Lenkung eine geringere Rolle. Gesellschaftliche Vorbehalte und die Tatsache, dass sich politische Impulse und neue Technologien nur langsam durchsetzen, hemmen die Entwicklung der Kernkraft. Auch das Wachstum von Erdgas wird auf Nordamerika begrenzt. Bei der Stromerzeugung dominiert Kohle mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts.

Ohne starke politische Unterstützung kommt die CCS-Technologie nur langsam voran: Mitte des Jahrhunderts werden lediglich ca. 10 % der Emissionen durch CCS abgeschieden; dieser Wert steigt auf etwa 25 % im Jahr 2075. Diese langsame Implementierung ist der Hauptgrund dafür, dass die Stromerzeugung im „Oceans“-Szenario erst 30 Jahre später CO2-neutral wird als im „Mountains“-Szenario.

Höhere Energiepreise führen dazu, dass schwer erreichbare Ölressourcen erschlossen und außerdem mehr Biokrafte produziert werden. Die Erdölnachfrage steigt zunächst weiter an und erreicht nach 2040 ein gleichbleibendes Niveau. Flüssigkraftstoffe treiben bis Mitte des Jahrhunderts weiterhin etwa 70 % des Straßenpersonenverkehrs an.

Solar bis 2070 die größte Energiequelle

Hohe Preise bilden außerdem einen Ansporn für Effizienzsteigerungen sowie die Entwicklung der Solarkraft. Bis zum Jahr 2070 wird sich Fotovoltaik zur weltweit größten Primärenergiequelle entwickeln. Windenergie wird aufgrund öffentlichen Widerstands gegen große Windturbinenanlagen langsamer wachsen. Höhere Nachfrage nach Kohle und Öl, fehlende Unterstützung für CCS und eine geringere Erdgasproduktion außerhalb Nordamerikas bedingen Treibhausgas­-Emissionen, die um etwa ein Viertel über denen des „Mountains“-Szenario liegen.

Was nimmt man als Fazit der Studie mit? Es sieht nicht gut aus im Kampf gegen den Klimawandel, denn in beiden Szenarien reichen die globalen Vorräte an fossilen Rohstoffen, um die Erderwärmung in gefährliche Höhen zu treiben.

In beiden Szenarien der Shell-Experten hilft auch der verstärkte Einsatz von Erneuerbaren nicht, um den CO2 Ausstoß wirksam zu bekämpfen. Rettung bringt am Ende nur, dass CO2, das wir ausgestoßen haben, unter der Erde zu vergraben (Stichwort CCS – Carbon Capture and Storage).

Bisher sieht es aber nicht so aus, als würden die Menschen diese Technologie wirklich wollen – überall dort, wo sie in Deutschland getestet werden soll, hat man mit massiven Protesten der Bürger zu kämpfen. Man sieht: es gibt noch viel zu tun.

Die Original Studie kostenlos im iTunes Store >>

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Comments

  1. Matthias Funk says:

    Hallo Zusammen, ich bin in der Enerhiebranche tätig und lese regelmäßig und sehr interessiert ihre Berichte. Die Enerhiewende bestehend aus dezentraler Erzeugung, Netzinfrastruktur und Energieeffizienz ist aus meiner Sicht bei Ihnen fast optimal dargestellt. Die Stadtwerke als Ausführende im Energieversorgungsbereich haben alle Möglichkeiten effektiv die Enerhiewende zu gestalten. Lediglich der altgedanke vom Strom, Gas ,Wasser Vertreiler muss durchbrochen werden. Aufbau von Dezentraler eigenerzeugung gepaart mit Wärmenetze in welche die bestehenden Möglichkeiten der Abwärmenutzung , Biomasse , solarthermie mit Grosswärmepumpe, bioabfallfermentierung, kleine Müllverbrennungsanlagen etc. Eingebunden werden ist der Königsweg. kraft Wärme Kopplunganlagen hocheffizient zusammen mit volatiler Erzeugung geht und muss gebaut werden.
    Der Auftrag ist klar. Die Randbedigungen sind klar und strukturiert dargestellt. Wenn dieser Ansatz konsequent verfolgt würde dann sollte die Energiewende (Primärnergieeisparung bis 50% bis 2050 ein real erreichbares Ziel. Nur es muss auch getan werden. Wärmenetzinfrastruktur aufbauen. Den Stromerzeugungswandlungsgrad sowie die Möglichleit alle vor Ort zur Verfügung stehen Resourcen ( Biomasse, Abwärme, Klärschlamm, Abfälle etc. Von 100% Primärenergiebedarf werden > 50% für Wärme; 30% Verkahr und 20% für Stromerzegeugung benötigt? Haben wir die Wärmeerzeugung effektiv mittels Wärmenetze und intellegintem Netzmanagement und KWK aufgebaut ist die ökologische und ökonomische Energiewende zu schaffen. Ohne die Netzinfrastruktur Wärme ansonsten nicht.
    Diese klare Aussage fehlt mir aus der Politik!!!!
    LG Matthias Funk

    • Redaktion says:

      Lieber Matthias Funk,
      vielen Dank für Ihren motivierenden Kommentar. Sie dürfen sich gern noch mehr einbringen, Energy-Mag soll auch Forum für Experten sein und vielfältig. Die von Ihnen angeschnittenen Themen sind DIE Themen wenn man die Energiewende in Deutschland ernst meint. Leider fehlt auf Seiten der Politik das Know how und seitens der großen Energieverteiler der Wille. So müssen wir die Energiewende schon selber machen.

      Machen Sie aus dem was Sie da schreiben doch einen Gastartikel für uns…

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