Ein Speicher so groß wie der Kölner Dom

Wer bisher an die Energie Wende dachte, der dachte an Firmen aus den Bereichen der Solarthermie, Photovoltaik, der Windenergie oder an den einen oder anderen Energieerzeuger, wie Lichtblick zum Beispiel.

Ein Chemieunternehmen im Konzert des Erneuerbaren Energien Marktes ist neu und verblüffend. Allerdings nur auf den ersten Blick. Das Chemieunternehmen Dow Chemical will sich verstärkt der Speicherung der schwankungsanfälligen Energie aus Wind, Sonne und Wasser widmen. Der Konzern will Energie in Wasserstoff speichern und bei Bedarf wieder verfügbar machen. „In Speichern so groß wie der Kölner Dom“ wie der Vorstandschef des Unternehmens, Ralf Brinkmann betont. Brinkmann erklärt im Interview was genau er vor hat.

Herr Brinkmann, haben Sie Angst vor den nächsten Monaten?

Brinkmann: Wieso sollte ich?

Sie sind mit Dow einer der größten Stromverbraucher in Deutschland, und sowohl Bundesumweltminister Peter Altmaier als auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler wollen energieintensive Industrien jetzt stärker an der Energiewende beteiligen. Erschreckt Sie das?

Brinkmann: Ja, denn wir sind bei den Strompreisen schon jetzt am Limit. Der Anteil der Energiekosten an unseren Herstellungskosten ist, verglichen mit anderen Industrien, besonders hoch. Das Umweltministerium nimmt an, wir würden von niedrigen Börsenstrompreisen profitieren und hätten noch ungenutzte Effizienzpotenziale. Beides ist falsch. Tatsächlich sind die Kosten für die langfristigen Lieferverträge, mit denen wir arbeiten müssen, gestiegen. Und in der chemischen Industrie haben wir heute schon die energieeffizientesten Anlagen und die beste Rohstoffausbeute – da geht kaum noch etwas.

Die Energiekosten verschlingen immer größere Teile des Budgets. Viele Hausbesitzer wollen sich von der Preispolitik der Versorger unabhängig machen. Aber wie viel Strom und Wärme können sie wirklich selbst erzeugen?


Ralf Brinkmann, Deutschland-Chef des US-Chemieriesen Dow Chemical: „Füllen wir nur eine Kaverne mit Wasserstoff, genügt das, um 480.000 Haushalte einen Monat lang mit Strom zu versorgen.

Halten Sie das Prinzip für falsch, die Last der Energiewende auf alle zu verteilen?

Brinkmann: Die Finanzierung der Energiewende ist ohne Frage eine schwierige Aufgabe. Ich muss aber deutlich sagen: Für die energieintensiven Unternehmen sind Eingriffe in die bestehende Regelung existenzgefährdend. Dow zahlt jetzt schon einen dreistelligen Millionenbetrag für Energie. Jeder Aufschlag geht zulasten der Wettbewerbsfähigkeit.

Sie wollen sich also nicht stärker an den Kosten der Energiewende beteiligen?

Brinkmann: Wir sind doch schon jetzt stark beteiligt: Der EU-Emissionshandel, das Energiesteuergesetz, das Erneuerbare-Energien-Gesetz und das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz haben die deutsche Chemieindustrie im vergangenen Jahr mit mehr als 1,1 Milliarden Euro belastet.

Ist Dow in Deutschland überhaupt noch konkurrenzfähig? Was sagt Ihre Konzernspitze in den USA zur Energiewende?

Brinkmann: Natürlich machen sich die Kollegen in der Zentrale Gedanken, wie wettbewerbsfähig ihre Standorte sind. Vor allem bei den derzeit sehr niedrigen Preisen für Strom und Gas in den USA und im Mittleren Osten. Wenn ich eine Investition in Deutschland plane, dann kommen ganz konkrete Fragen nach den langfristigen Rahmenbedingungen.

Was konkret wollen Ihre Chefs wissen?

Brinkmann: Zum Beispiel, wie sich die Strompreise in Deutschland entwickeln und ob es genug Leitungen gibt, um den Strom von den Erzeugern zu den Verbrauchern zu bringen. Wenn wir über eine für den globalen Markt ausgelegte Chemieanlage reden, kostet die schnell eine halbe Milliarde Euro. Für solche Investitionen will die Zentrale Planungssicherheit.

Also haben Sie doch Angst vor den kommenden Monaten?

Brinkmann: Angst ist das falsche Wort. Aber nach den Ankündigungen aus dem Umweltministerium sind wir in Sorge. Was mich trotzdem optimistisch stimmt: Die Politik will die produzierende Industrie in Deutschland halten. Das hören wir aus den Parteien, und darauf müssen wir uns auch verlassen können. Aber wir wollen nicht nur von der Politik fordern. Wir fragen uns auch, was wir als Chemieunternehmen zur Energiewende beitragen können.

Und was wäre das zum Beispiel?

Brinkmann: Unsere Produkte machen Solaranlagen und Windräder effizient, sie senken den Energieverbrauch von Häusern, ermöglichen leichtere Autos und spielen eine wichtige Rolle bei der Elektromobilität. Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz sind für uns wichtige Ziele. Außerdem arbeiten wir an unserem Standort in Stade nahe Hamburg gerade an einem der wichtigsten Pfeiler der Energiewende: einem großen Wasserstoffspeicher, der die Versorgung mit grünem Strom aus Wind und Sonne sichern kann. Die Energiewende hat die Chemieindustrie 2012 mit mehr als 1,1 Milliarden Euro belastet.

Sie wollen erneuerbare Energie in Wasserstoff umwandeln?

Brinkmann: Wasserstoff ist ein ausgezeichneter Energieträger und lässt sich mit Strom aus Wasser erzeugen. Das geschieht per Elektrolyse – einem in der Chemieindustrie seit Jahrzehnten praktizierten Verfahren. Jetzt haben wir uns mit Industriepartnern zusammengetan, um zu prüfen, wie wir diesen Prozess bald auch mit überschüssigem Windstrom aus Norddeutschland und künftig auch Offshore-Windparks betreiben können. Der so erzeugte Wasserstoff lässt sich dann bei Bedarfsspitzen in Brennstoffzellen oder Gasturbinen in Strom zurückverwandeln.

In der Theorie mag das klappen. Aber wo wollen Sie den Wasserstoff lagern?

Brinkmann: Wir nutzen in der Nähe von Stade einen riesigen Salzstock, aus dem wir Sole für unsere chemischen Prozesse fördern. Dabei entstehen unterirdische Kavernen, deren Volumen etwa dem des Kölner Doms entspricht. Füllen wir nur eine davon mit Wasserstoff, genügt das, um 480 000 Haushalte einen Monat lang mit Strom zu versorgen. So gibt es künftig auch bei Flaute Windstrom.


Wie Dow Chemical erneuerbare Energien speichern will. (Grafik: Wirtschaftswoche)

Und die Kavernen sind sicher? Immerhin ist Wasserstoff sehr flüchtig.

Brinkmann: Salzgestein ist besonders dicht gegen Gase, das gilt auch für Wasserstoff. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA werden seit vielen Jahren Salzkavernen zuverlässig als Wasserstoffspeicher genutzt. Und auch in Deutschland dienen die unterirdischen Hohlräume als Erdgasspeicher, und zwar akzeptiert von der breiten Mehrheit der Bevölkerung. Davon abgesehen ist es heute natürlich bei allen Großprojekten entscheidend, die Menschen von vornherein umfassend zu informieren und das Gespräch zu suchen.

Experten kritisieren Wasserstoffspeicher als ineffizient, weil rund 70 Prozent der Energie beim Umwandeln verloren gehen.

Brinkmann: Was ist die Alternative? Derzeit müssen die Betreiber Windparks vom Netz nehmen, wenn die Nachfrage zu gering ist. Trotzdem erhalten sie Vergütung für den nicht erzeugten Strom. Statt die Energie verpuffen zu lassen, sollte man sie besser speichern – auch wenn dabei ein großer Teil der Energie verloren geht.

An sonnigen und windigen Tagen wird durch die Ökoanlagen mehr Strom erzeugt als benötigt. Deshalb purzeln die Preise an der Strombörse. Die Netzbetreiber müssen den Ökostrom zu einem staatlich festgelegten Preis abnehmen. Den Subventionsanteil stellen sie den Stromkunden in Rechnung (Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage). Darum steigt der Strompreis für Privathaushalte.

Wie hoch sind die Kosten für das Projekt?

Brinkmann: Wir sind noch in der Entwicklungsphase, aber refinanzieren lässt sich so ein Speicher nur über Börsenstrompreise kaum. Mit der Sicherung der Netze und der Stromversorgung bieten wir aber einen extra Nutzen. Der sollte entsprechend vergütet werden. Da ist wiederum die Politik gefragt.

Mit Ihrem Kavernenspeicher hätten Sie schlagartig eines der größten Energielager in Deutschland. Wann starten Sie?

Brinkmann: Wir müssen die Wasserelektrolyse für diese konkrete Anwendung auslegen. Die Kaverne ist bereit, die nutzen wir schon jetzt als Gasspeicher. Die Technik, für den Wasserstoffeinsatz, prüfen wir derzeit. Wenn wir 2018 starten, passt das gut in den Zeitplan der Energiewende.

Zugleich aber planen Sie ein eigenes Kohlekraftwerk in Stade, das den Standort energieautark macht. So ganz scheinen Sie dem grünen Umbau der Stromversorgung also nicht zu trauen, oder?

Brinkmann: Dieses Projekt hat mit den gestiegenen Preisen für langfristige Stromlieferverträge zu tun. Wir dürfen uns nichts vormachen: Energie ist inzwischen in den USA und am Persischen Golf so billig, dass es bald günstiger ist, chemische Produkte dort zu produzieren und sie dann nach Deutschland zu verschiffen, als sie hier vor Ort herzustellen. Da ist ein eigenes Kraftwerk grundsätzlich ein gutes Argument für einen Standort. Allerdings müssen wir jetzt natürlich prüfen, ob das auch dann noch gilt, wenn die Pläne des Umweltministeriums umgesetzt werden.

Ihre Begeisterung für den grünen Wasserstoff und ein schmutziges Kohlekraftwerk – wie passt das zusammen?

Brinkmann: Widerspruch! Unser geplantes Industriekraftwerk würde zu den saubersten seiner Art gehören. Zumal wir dort auch Gas und Biomasse verfeuern könnten. Aber richtig ist auch: Wir können auf Kohle nicht verzichten, weil sie derzeit der konkurrenzfähigste und auf lange Sicht der kostengünstigste Energieträger ist. Und das Risiko, nur auf einen Energieträger zu setzen, wollen wir nicht eingehen.

Die Grünen fordern inzwischen einen Kohleausstieg bis 2030; schlechte Aussichten für Ihr Projekt. Sind 100 Prozent Erneuerbare realistisch?

Brinkmann: Da habe ich meine Zweifel. Am Ende werden wir einen gesunden Mix mit einem klaren Schwerpunkt bei regenerativen Energien haben. Wenn wir die produzierende Industrie im Land behalten wollen, können wir auch in Zukunft nicht auf effiziente Industriekraftwerke verzichten, die jederzeit günstigen Strom bereitstellen. Kohle und Wasserstoffspeicher – wir brauchen beides.

Das Interview mit Ralf Brinkmann führte die Wirtschaftswoche.

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