Fahrrad Stadt Irgendwo

Die moderne Fahrradstadt der Zukunft. In den siebziger Jahren wurden unsere Städte konsequent zu Autostädten ausgebaut. Das war damals der Zeitgeist und politisch und ökonomisch so gewollt. Es entstanden damals moderne Stadtautobahnen, vernetze Ringsysteme und das Auto wurde zum Fetisch des modernen Großstadt-Menschen. Das Fahrrad, der Mensch und alle anderen Möglichkeiten der Fortbewegung hatten sich dem unter zu ordnen.


Im Jahr 2017 ist dies nicht mehr zeitgemäß. Bis zum Jahr 2030 werden rund 50% der Weltbevölkerung in Großstädten leben, Klimawandel, CO2 Ausstoß und tägliche Auto-Korsos zwingen zum umdenken. Das Autos ist, zumindest in grossen Städten keine Freiheit mehr. Es entstehen neue Konzepte der Mobilität und das Fahhrad erlebt in der Stadt eine Renaissance.


So können Fahrradbrücken auch aussehen. Ein architektonisches Meisterwerk aus Stahl. Die Peace Bridge in Calgary, Canada.

In Kopenhagen fahren täglich 62% der Kopenhagener mit dem Fahhrad zur Arbeit; nur 9% benutzen noch das Auto. Warum? Weil es praktischer ist, schneller geht und zudem die Umwelt schont – und – weil die Infrastruktur dafür geschaffen wurde. Das Wort Copenhagenize steht für die fahhradfreundliche Stadt und misst das in einem Index.

Deutschland, als Land, dass sich die Energiewende ganz offiziel, von Staatswegen sozusagen, auf den Bundesadler geschrieben hat, hinkt dem weit hinterher. Gerade einmal 3 Städte schafften es 2016 unter die fahradfreundlichsten Städte der Welt. Auf Platz 15 der Spitzenreiter Hamburg.

So gibt es also viel zu tun und aufzuholen, will die deutsche Großstadt tatsächlich auch eine moderne lebenswerte Großstadt sein. Wie so oft, fehlt es an überzeugenden Konzepten und von der Umsetzung noch gar nicht geredet.

Wir werfen einen genaueren Blick auf die fahrradfreundlichsten Städte der Welt und fragen: wie sieht die Fahhradstadt der Zukunft aus – Irgendwo.

Die Fahrradstadt der Zukunft – Irgendwo

Welche Städte dieser Welt sind fahrradfreundlich und warum? Diese und mehr Fragen führten Copenhagenize dazu, einen Index für fahrradfreundliche Städte zu entwickeln.

Copenhagenize führt seit 2013 ein weltweites Ranking der fahrradfreundlichsten Städte durch. Ergebnis ist wie jedes Jahr eine interessante Top 20 Städte-Liste. 122 weltweite Städte wurden beim Ranking 2015 berücksichtigt. Der Fokus lag auf Metropolen mit einer Population über 600.000 Menschen.

Der Copenhagenize Index vergibt Städten Noten für ihre Bemühungen das Fahrrad als praktikables und akzeptiertes Verkehrsmittel zu etablieren. Den Städten werden in 13 verschiedenen Kategorien zwischen 0 und 4 Punkte vergeben. Zu den Kategorien zählen beispielsweise Fahrrad-Infrastruktur, Bike-Sharing-Programme, Politik, Fahrradkultur, Städteplanung, Verkehrsberuhigung und soziale Akzeptanz. Maximal 12 Bonuspunkte gibt es für besonders beeindruckende Anstrengungen und Ergebnisse.


Da kommt das Auto einfach nicht mehr mit. Sagenhafte 62% der Kopenhagener fahren jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule. Mit 9% sieht des Deutschen liebstes Kind da ganz schwach aus.

Kopenhagen unangefochten Nummer 1

Im Hinblick auf ein einheitlich gestaltetes Fahrradwegenetz ist Kopenhagen in der Welt einzigartig. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist auch der Verkehrsanteil von Fahrrädern. Zwischen 2012 und 2013 explodierte der Modalanteil von Fahrrädern von 36 Prozent auf 45 Prozent.

Ein derart hoher Anstieg von neun Prozent in nur einem Jahr passierte noch nirgends. Man sieht hier deutlich: Werden Angebote für Fahrräder geschaffen, dann werden sie von den Menschen auch genutzt.

Bicyle First Strategie

Infrastruktur-Investitionen wie beispielsweise eine Autobahnüberbrückung, zwei neue Fahrradbrücken Trangravsbroen und Proviantbroen sowie die berühmte Cykelslangen – Bicycle Snake bringen Kopenhagen auf Platz 1.

Die Bicycle Snake bietet Radfahrern eine lustige Fahrt entlang des Hafens und der Skyline und garantiert eine bessere Zugänglichkeit und die Anbindung an die Stadt.

Bicycle first: Eine weitere interessante Maßnahme ist die Anpassung von Ampeln an Fahrradzeiten statt an PKW-Fahrzeiten.



Cykelslangen – Die Bicycle Snake ist eine 235 Meter lange Geh- und Radwegbrücke aus Stahl, die das Fisketorvet Einkaufszentrum mit der Bryggebro Brücke verbindet.


Die Strategie ist wichtig. Copenhagenize ist eine Unternehmensberatung und Kommunikationsagentur die sich auf alle fahrradrelevanten Themen spezialisiert hat. Sie berät Städte und Regierungen bei der fahrradfreundlichen Gestaltung urbaner Landschaften. Der Fokus ihrer Beratertätigkeit ist die Infrastrukturplanung und urbanes Design (Grafik).

Die Top 10 der fahrradfreundlichsten Städte weltweit

Amsterdam

ist der Benchmark unter den Fahrradstädten. Die Stadt ist vollständig gesättigt mit Fahrrädern. Fast 60 Prozent der Amsterdamer sind täglich mit dem Rad unterwegs. 73 Prozent der Amsterdamer haben mindestens ein Fahrrad, 58 Prozent radeln täglich und legen dabei zusammen pro Tag zwei Millionen Kilometer zurück. Und der Trend – weg vom Auto, hin zum Fahrrad – wird weitergehen. Die Stadtvertreter planen, in den kommenden Jahren weitere 200 Millionen Euro in die Fahrradfreundlichkeit zu investieren.


Typisch: Fahrradgarage in Amsterdam, denn fast 60 Prozent der Amsterdamer sind täglich mit dem Rad unterwegs.

Ganz Amsterdam ist ein Fahrradweg und Radfahrer dürfen fast überall entlangfahren. Um die Vorreiterrolle nicht zu verlieren muss Amsterdam zeigen wie Weiterentwicklung passieren soll. Auf lange Sicht muss es gelingen, ein einheitliches Netz der Fahrrad-Infrastruktur zu implementieren. Hier ist politischer Wille erforderlich um die Stadt weiter in Richtung moderne Fahrradstadt zu entwickeln.

Utrecht

gehört zu den kleineren Städten die weltweit führend sind. Der Entwicklungsplan „Utrecht Attractive and Accessible“ ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Das sich im Bau befindliche Vorzeigeprojekt ist die weltweit größte Fahrradparkanlage, die Platz für 12.500 Fahrräder bieten wird.

Strassburg

ist ein Newcomer im Copenhagenize Index, doch seit langem die erste Fahrradstadt Frankreichs – dank einer Generation von Städteplanern, die auf das Rad als Transportmittel bestanden haben. Radfahren ist in Strassburg der schnellste Weg um von A nach B zu kommen. Hervorzuheben sind der 536 km Radweg in der Stadt und Vélhop – ein einzigartiges Bike Sharing System, das viele maßgeschneiderte Räder mit zusätzlichen Kindersitzen oder Körben bietet. Ergebnis der jahrelangen Bemühungen ist ein Fahrrad-Modalanteil von 15% im urbanen Zentrum.

Eindhoven

ist immer dabei. Die Fahrradkultur in Eindhoven ist stabil und stark. Das Vorzeigeprojekt in Eindhoven ist unbestritten der Hovenring, ein schwebender Kreisverkehr, über einer langen mehrspurigen Autobahn. Überzeugend ist nicht nur das Design sondern auch dessen Funktionalität, Radfahrer auf einem komplizierten Vier-Wege-Kreisverkehr zu schützen.



Der Hovenring in Eindhoven designed by ipv Delft

Malmö

ist die wichtigste Stadt in der schwedischen fahrradfreundlichen Region Skåne und fokussiert sich auf die Integration des Fahrrades in der urbanen Landschaft. Besonderes Highlight ist das Fahrradparkhaus am Bahnhof. Die Kampagne „No Ridiculous Car Trips“ ist noch immer ein Benchmark der Städte-Kommunikation zur Sensibilisierung der Bevölkerung.

Nantes

ist Vielfalt von Infrastruktur-Projekten aber auch Dienstleistungen und eine klare Zusammenarbeit von regionalen Organisationen. Das brachte Nantes unter die Top 10-Liste. Der Haupt-Korso in Nantes ist nahezu autofrei und wurde durch einen demonstrativen Radweg in der Mitte ergänzt.


VeloCity – Einmal im Jahr findet in Nantes die Velo Parade statt.

Bordeaux

versucht zu einer der besten Fahrradstädte Frankreichs zu werden. Bemerkenswert sind die Erfolge der letzten Jahre. Die Investition in mehrere Straßenbahnlinien führte zur Verkehrsberuhigung und dadurch zur Steigerung des Radverkehranteils in der Stadt. Auch VCub – das Bike Share System von Bordeaux – und die Konzentration auf Mainstream-Lobbying pro Radsport sind ausschlaggebend für einen Platz unter den Top 10.

Antwerpen

ist Belgiens attraktivste Großstadt für Radsport. Auf Platz 9 kommt die Stadt durch beeindruckende Modalanteile für Fahrräder, und ausreichende Parkmöglichkeiten um die Stadt herum – der Bahnhof-Fahrradparkplatz ist einer der besten Europas.

Sevilla

ist ein Aushängeschild der fahrradfreundlichsten Städte. In nur wenigen Jahren schaffte es die Stadt von einem Fahrrad-Modalanteil von 0,2% auf 7%. Möglich wurde dies durch einen unerschrockenen politischen Willen, Investitionen in ein gut ausgebautes Fahrradwegenetz, sowie ein umfassendes Bike-Sharing- System. Positive Auswirkungen haben die Bemühungen Sevillas auf die Region Andalusien. Ziel ist es den Erfolg von Sevilla zu kopieren und ein regionales Fahrradwegenetz zu erschaffen.


Eiszeit Deutschland, keine deutsche Stadt schaffte es im Jahr 2016 unter die besten 10 fahrradfreundlichsten Städte Europas. Beste Stadt war Hamburg auf Platz 15. Immerhin, in 2017 landet Berlin wieder auf Platz 10. Wird es im Autoland Deutschland mit dem Fahrrad bergauf gehen?

Fazit: Man sieht fahrradfreundliche Städte finden irgendwo statt, aber nicht in Deutschland. Zu sehr wurde bei der Städteplanung der vergangenen Jahrzehnte dem Auto der Vortritt gelassen. Doch es besteht Hoffnung und Handlungebedarf zugleich. Wichtig ist ein Umdenken und eine klare Strategie und Planung. Copenhagenize your City.

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