Franz Alt: Sonne und Wind schicken uns keine Rechnung

Ohne Atomkraft geht Deutschland nichts; das ganze Land mit Erneuerbaren zu versorgen ist Träumerei; die Energiewende ist viel zu teuer und Schuld an den steigenden Strompreisen. Alles Unsinn sagt Franz Alt, widerlegt die wichtigsten Vorurteile über Erneuerbare Energien und verrät, wie uns die Energiewende gelingt – obwohl die Atom-Konzerne und auch alle anderen großen Energieversorger Widerstand leisten. Ein Interview über die Vorurteile gegen Ökostrom.


Frage: Herr Alt, Können wir in Deutschland Atomkraft und Kohleenergie vollständig durch erneuerbare Energien ersetzen?

Franz Alt: Alle bisherigen Energieträger, also auch Kohle und Uran gehen bald zu Ende. Wir verbrennen heute an einem Tag, was die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Wir verbrennen also die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Demgegenüber sind die erneuerbaren Energien der Zukunft nach menschlichem Ermessen ewig. Die Sonne scheint noch einige Milliarden Jahre, der Wind weht immer und Wasserkraft, Erdwärme und Biomasse stehen uns ebenfalls für alle Zeit zur Verfügung. Ihre Frage müsste logischerweise also genau umgekehrt lauten: Wann endlich steigen wir zu hundert Prozent auf erneuerbare Energien um? Allein die Sonne schickt uns theoretisch jede Sekunde 15.000 mal mehr Energie als alle Menschen verbrauchen, der Wind 300 mal mehr. Das heißt: Auch praktisch gibt es für alle Zeit für alle Menschen Energie im Überfluss – freilich nur erneuerbare Energie.

F: Sind Sie sicher? In Deutschland haben wir übers Jahr gesehen nicht besonders viel Sonne und der Wind bläst auch nicht besonders zuverlässig.

Franz Alt: Lauter Vorurteile, die längst widerlegt sind. Wir machen auf unserem Hausdach seit 20 Jahren die gegenteilige Erfahrung. Wir produzieren auf einem Altbau aus 1972 mit Hilfe der Sonne doppelt so viel Strom wie eine durchschnittliche deutsche Familie verbraucht – hinzu kommt auch noch solare Wärmeerzeugung. Wer eigene Erfahrung hat, kann sich über die ideologischen Vorurteile nur wundern. Hier werden von interessierter Seite der alten Energieversorger ständig Probleme beschworen, die es von Natur aus gar nicht gibt. Ich kenne eine Kommune in Sachsen-Anhalt, das Tausend-Einwohner-Städtchen Dardesheim. Diese 1.000 Einwohner produzieren Windstrom für 40.000 Menschen. Dieser Ort gehört zu den reichsten Kommunen in Deutschland. Die Natur stellt uns auch hierzulande weit mehr Energie zur Verfügung, als wir jemals brauchen. Wer es wirklich wissen will, der kann es wissen.

F: Das klingt nach einem großen technischen Aufwand. Wer soll den bezahlen?

Franz Alt: Der technische Aufwand für ein Atomkraftwerk ist entschieden größer und keiner weiß wohin mit dem Müll, der etwa eine Million Jahre strahlt. Demgegenüber sind erneuerbare Energien einfache Technik. Wenn Sie nach 20 Jahren ein Windrad wieder abbauen, haben Sie grüne Wiese und nicht das geringste Entsorgungsproblem. Eine Solaranlage können Sie fünfmal recyceln. Das heißt sie läuft etwa fünfmal bis zu 40 Jahren, also bis zu 200 Jahre. Auch Wasserkraft oder Bioenergie basieren auf einfachen Technologien. Die alte Energie ist nur scheinbar billig, weil sie der Steuerzahler subventioniert hat. Für Kohle haben wir in den letzten Jahrzehnten 300 Milliarden Euro Steuergelder aufgewendet und für die Atomenergie 220 Milliarden, die aber auf keiner Stromrechnung auftauchen. Daran gemessen wird die erneuerbare Energie entschieden preiswerter und hat kaum Folgekosten wie Atom oder Kohle. Der größte ökonomische Vorteil der Erneuerbaren: Sonne und Wind schicken uns keine Rechnung. Sie sind Geschenke des Himmels. Deshalb wird erneuerbare Energie immer preiswerter und die alte Energie immer teurer. Schon heute können Sie in Deutschland eine Kilowattstunde Solarstrom für 12 bis 13 Cent selbst produzieren während Sie für den Atom oder Braunkohlestrom aus der Steckdose bereits über 26 Cent bezahlen – Tendenz nach oben. Solarstrom kostet in zehn Jahren vielleicht noch fünf Cent pro Kwh. Solarstrom wird Sozialstrom. Deshalb steigen immer mehr Menschen auf die Sonne und auf die anderen erneuerbaren Energieträger um.


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F: E.on., EnBw, Vattenfall, RWE – die vier großen Energiekonzerne machen die angeblich teure Energiewende für steigende Strompreise verantwortlich.

Franz Alt: Auch erneuerbare Energien kosten Geld – wegen der Technik. Den Stoff gibt es – wie gesagt – umsonst. Es fallen keine Brennstoffkosten an außer bei Biomasse. Aber keine erneuerbare Energien kosten die Zukunft. Die verantwortungslose Propaganda der alten Energiewirtschaft wird von immer mehr Menschen durchschaut, die dann auch umsteigen. Trotz dieser leicht durchschaubaren Propaganda werden im Frühjahr 2013 in Deutschland schon 25% Ökostrom produziert, freilich nicht von den Großen, sondern überwiegend vom Mittelstand, von Bauern, vom Handwerk und von Hausbesitzern. Fakt ist: die Erneuerbaren werden immer preiswerter und die alte Energie immer teurer. Es sind die Erneuerbaren, die dafür gesorgt haben, dass die Kilowattstunde Strom zurzeit an der Leipziger Strombörse für vier Cent gehandelt werden kann. Eben weil Sonne und Wind keine Rechnung schicken.

F: Wenn die Energiekonzerne die Energiewende bremsen, wie soll sie dann gelingen?

Franz Alt: Von unten, über die Gesellschaft. Die alten Energieträger gehen zu Ende, bewirken den Treibhauseffekt und werden immer teurer und bald unbezahlbar. Vergleichen Sie doch mal Ihre Benzin- oder Stromrechnung von 1990 und heute. Aus all diesen Gründen gibt es zu einer intelligenten, umweltfreundlichen und preiswerten Energiewende keine wirkliche Alternative. Der frühere Chefvolkswirt der Weltbank, Sir Niclas Stern, hat ausgerechnet, dass keine Energiewende fünfmal so teuer wird wie der rechtzeitige Umstieg, den wir jetzt in Deutschland gerade organisieren – und zwar von unten, als Gesellschaft. Wenn die alten Energiekonzerne nicht mitmachen, dann werden sie halt verschwinden. Viele werden ihnen keine Tränen nachweinen. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Das werden auch unsere Energie-Honeckers erleben.

F: Wie stark ist die „Kraft von unten wirklich“? Für die meisten Bürger scheint es schon zu anstrengend zu sein, zu einem Ökostromanbieter zu wechseln. Der Aufwand für eigene Photvoltaikanlagen auf dem Dach oder eine Mitgliedschaft in einer Energiegenossenschaft ist weitaus größer.

Franz Alt: Beinahe jeden Tag werden irgendwo in Deutschland eine oder mehrere Energiegenossenschaften gegründet. Die Energiewende verläuft in Deutschland schneller und erfolgreicher als auch ich das noch vor 15 Jahren gedacht habe. Die Bürgerinnen und Bürger nehmen die Wende selbst in die Hand. Bereits drei Millionen Menschen nutzen Solarenergie. 250.000 Menschen habe ihr gutes Geld in Windräder investiert. Es werden täglich mehr. Wenn wir das derzeitige Tempo des Umstiegs nur beibehalten, kann Deutschland und Europa schon in 20 bis 30 Jahren komplett erneuerbar sein – eine Riesenchance für technologische Exportschlager. Und für eine Million neue Arbeitsplätze. Deshalb schaut die ganze Welt jetzt interessiert nach Deutschland. Und deshalb heißt der Titel meines neuen Buches auch „Auf der Sonnenseite – warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht.“ Alle Welt wird schließlich mitmachen, denn keiner will technologisch zurückfallen. Übrigens: Die Chinesen sind zur Zeit mit der Energiewende schneller als wir Deutschen.

F: Es gibt auch Widerstand von unten gegen die Erneuerbaren Energien. Da wären zum Beispiel Bürgerinitiativen gegen Windparks, deren Mitglieder sich von Windrädern in ihrer Nähe belästigt fühlen. Andere Menschen befürchten eine gefährliche Strahlung von Solar-Kollektoren. Welche Argumente gibt es gegen solche Bedenken?

Franz Alt: Die Windradbauer waren nicht immer und überall sensibel. Daraus müssen wir lernen. Ich habe in den letzten 25 Jahren über 300 Windparks und Windräder eingeweiht. Meine Erfahrung: Überall dort wo von Anfang an mit dem Betroffenen diskutiert wurde, haben die Menschen mitgemacht. Denn sie erkennen, dass wir nicht gegen alles sein können: Gegen Atom und gegen Windkraft. Irgendwo muss schließlich unsere Energie herkommen. Und wir alle brauchen Energie. Windräder brauchen mindestens 500 Meter Abstand zum nächsten Haus, dann belästigen sie weder durch Schall noch durch Schatten. Dass von Solaranlagen Elektrosmog ausgeht, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Richtig ist: Strahlung geht vom Strom aus, also von der Steckdose und kann gesundheitlich sensible Menschen gefährden. Das hat aber nichts mit den Solaranlagen zu tun, sondern mit dem oft zu hohen Stromverbrauch in unseren Wohnungen und den oft zu vielen Steckdosen in unseren Häusern.


Franz Alt gehört seit vielen Jahren zu den großen Kämpfern für die Energiewende in Deutschland. Er arbeitet als Journalist, Reporter, Buchautor und berät Regierungen auf der ganzen Welt. 17 Millionen Zuschauer sahen Ende der 70er-Jahre regelmäßig sein politisches Magazin „Report“.

 

Das Interview erschien auf der Online-Plattform Utopia >>


Lesen Sie auch den Blog von Franz Alt. Sonnenseite.com >>

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