Grünes Haus mit lebender Fassade

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Knallgrün, zwei große Sprechblasen und eine Glasfassade mit lebenden Algen: Das sogenannte BIQ in Hamburg-Wilhelmsburg sieht nicht nur ungewöhnlich aus, sondern ist auch eines der innovativsten Bauprojekte der Internationalen Bauausstellung (IBA) und eine Weltneuheit. An zwei Seiten des Gebäudes befinden sich mit Wasser gefüllte Glaselemente, in denen Algen gezüchtet werden. Sie produzieren Energie. Nachdem alle Testläufe erfolgreich waren, wurden jetzt Mikroalgen in die Glasfassaden gesetzt. „Hier zeigt sich, welche außergewöhnlichen Wege wir gehen können, um Beispiele für nachhaltigen Wohnungsbau zu finden“, sagte IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg zur Eröffnung.


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Lebendige Fassade: Zwei Seiten des Hauses sind mit wasserbefüllten Glaselementen verkleidet. In den länglichen Glaselementen wachsen unzählige winzige Algen.

So wird aus Sonne und Algen Energie gewonnen

Das BIQ – die Abkürzung steht für „Bio-Intelligenzquotient“ – ist das weltweit erste Gebäude mit einer sogenannten Bioreaktorfassade. Plattenförmige, mit Wasser und Algen gefüllte Glaselemente sind an der Südwest- und Südostseite vor der Fassade angebracht. Durch die Sonneneinstrahlung entsteht darin solarthermische Energie. Die Mikrolagen produzieren aus Sonnenlicht und Kohlendioxid durch Photosynthese Biomasse. Die Wärme wird über einen Wärmetauscher direkt zum Heizen genutzt. Die Biomasse wird abgeschöpft. Aus ihr wird in einer Biogasanlage weitere Energie produziert.

Eine lebende Gebäudehaut

Das fünfgeschossige, kubisch angelegte Passivhaus besitzt also eine Art lebende Biohaut. Diese sorgt auch für ein ganz besonderes Erscheinungsbild: Wie eine einzige leuchtend grüne Flüssigkeit wirken die kleinen Pflanzen in ihren Glaselementen. Zugleich sind die Algen in ständiger Bewegung und verändern während ihres Wachstums auch ihre Farbe. Die Glaselemente selbst dienen zudem dazu, den Lichteinfall in das Gebäude zu lenken und es bei Bedarf zu beschatten. Die Algen sind damit nicht nur als Energielieferanten tätig, sondern auch optisches Gestaltungselement, erklärt Uli Hellweg: „Die Mikroalgen haben einen identitätsstiftenden und ästhetischen Aspekt für das Haus“.

Auch die Nordseite ist ungewöhnlich

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„Photosynthese? Cool!“, steht in großen Sprechblasen auf der sonnenabgewandten Fassadenseite.

Damit Nicht-Eingeweihte verstehen, dass sich auf der Fassade des BIQ-Hauses spannende Dinge tun, haben sich die Planer für die Gestaltung der sonnenabgewandten Fassadenseite Ungewöhnliches ausgedacht: „Photosynthese? Cool!“ prangt in zwei großen Sprechblasen auf der leuchtend grün bemalten Fassade.

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15 Wohnungen in Wilhemsburgs neuer Mitte

Der Entwurf für das Algenhaus stammt von dem Grazer Architekturbüro Splitterwerk, das sich damit bei einem IBA-Architekturwettbewerb durchgesetzt hatte, und gehört zu der Gruppe der sogenannten Smart Material Houses. Mit diesen Gebäuden stellt die Bauausstellung neue Baustoffe mit besonderen energetischen oder ökologischen Eigenschaften vor, die künftig im Haus- und Fassadenbau verwendet werden können. Das Algenhaus steht in unmittelbarer Nähe zum Parkgelände der Internationalen Gartenschau in der neuen Wihelmsburger Mitte. Es beherbergt 15 Mietwohnungen von 50 bis 120 Quadratmeter Größe. Einige sind noch frei.

Besuchen Sie die Website des BIQ Wilhelmsburg >>

Ein Haus mit algengrünem Gesicht

Ein Haus, dem man den «grünen Geist» sofort ansieht. So könnte man das Gebäude BIQ nennen, das im Hamburger Viertel Wilhelmsburg für die Internationale Bauausstellung entsteht. Das Gebäude soll mit in der Fassade integrierten Bioreaktoren die Fotosynthese von Mikroalgen nutzen, um sich mit Wärme und Strom zu versorgen und Biomasse sowie weitere Nebenprodukte zu erzeugen.

Eine mit Algen befüllte Fassadenplatte in der Versuchsanlage.

Algen sind mikroskopische Energiebündel. Am zurzeit in Hamburg-Wilhelmsburg entstehenden Gebäude BIQ wird aber keine Vergrösserungslinse nötig sein, um ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Je aktiver die Algen sind, desto grüner wird die BIQ-Fassade erstrahlen. Das Algenwachstum wird für die Herstellung von Biomasse nutzbar gemacht werden, mit dieser Biomasse kann dann Bioerdgas für Strom und Heizung hergestellt werden. Nebenbei sammelt die Fassade, wie ein gewöhnlicher Kollektor, Sonnenwärme. Nicht zuletzt erfüllen die aus einem speziellen Kunststoff gefertigten Fassadenplatten die üblichen Funktionen einer Fassade wie Schallschutz, Licht- und Wärmeeintragsregulation.

Die Vision ist kühn und deshalb erst der Erwähnung wert. Durch die Nutzbarmachung der biologischen Prozesse, mit denen Pflanzen und somit auch Algen wachsen, soll der Energiebedarf eines Mehrfamilienhauses komplett abgedeckt werden. Stoffkreisläufe würden auf die wenige Zentimeter starken Reaktorgefässe beschränkt und somit im wahrsten Sinne des Wortes geschlossen. Man muss den Algen im Prinzip nur Licht, Kohlendioxid und Nährsalze geben und dann wachsen sie durch ihre natürliche Zellteilung ununterbrochen nach.

Die Gewinnung von Energie aus Algenbiomasse hat in den letzten Jahren immer Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So flog im Jahr 2012 das erste mit Biosprit aus Algen angetriebene Flugzeug. Riesige Algenzuchtanlagen sind in den USA und Europa angelegt worden, um die Verfahren der Konversion von Algen zu Treibstoffen weiter zu erforschen. Da die Algenzucht vor allem eins braucht, nämlich viel Fläche, hat die Idee, die Mikroorganismen auf den Fassaden und Dächern von Gebäuden wachsen zu lassen, um sie dann dort selbst zu ernten und zu nutzen, zumindest im Ansatz eine einleuchtende Attraktivität.
Doch die Algenfassade befindet sich wie auch der Algenbiosprit noch im Stadium der Forschung und Entwicklung. Für diese Anfangsphase hat die Hamburger Firma Strategic Science Consult GmbH (SSC) zusammen mit Industriepartnern und Hochschulen aus Norddeutschland einen mit symbolischem Wert aufgeladenen Standort gefunden.

Algen blubbern, wo einst Erdöl sprudelte

Rund eine Autostunde südlich vom Hamburger Stadtzentrum, auf einem Areal der Firma EON Hanse, stehen die mit giftgrünem Algenwuchs gefüllten Kunststoffplatten und werden in regelmässigen Zeitabständen durch das Hineinpumpen grosser Luftblasen durchmischt. Das rhythmische Blubbern der wässrigen Lösung bildet einen starken Kontrast zum Bild der erstarrten Erdölpumpen, die an der einen oder anderen Ecke des Geländes in den Hamburger Nachmittag zu gähnen scheinen. «Hier wurde nämlich bis einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch Erdöl gefördert, aber es ist schon eine Weile her, seitdem die Pumpen zum letzten Mal wirklich etwas zu Tage brachten», erklärt Stefan Hindersin, der als SSC-Mitarbeiter seine Dissertation über die Algenzüchtung für die Gebäudefassade anfertigt. In dem durch die Erdölförderung mit Poren durchsetzten Untergrundgestein wird heute Erdgas gespeichert. Nach und nach weicht hier in eindrucksvoller Anschaulichkeit die fossile Welt einer von nachwachsender Biomasse dominierten Zukunft.

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