Mach’s wie Utrecht

Bicycle First: In den Radverkehr investiert – und dabei sparen. Das Fahrrad kommt zuerst in Utrecht, was zur Folge hat, dass die Universitätsstadt 50 Kilometer südlich von Amsterdam, eine der Metropolen mit dem höchsten Fahrradverkehrs-Anteil in ganz Europa ist. Rund 60 Prozent der Wege im Zentrum Utrechts werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Wie hat Utrecht das gemacht? Und was können deutsche Städte von der „Bicycle First Stadt“ Utrecht lernen?


Wer mit der richtigen Geschwindigkeit unterwegs ist, der radelt bei Dauergrün durch die Metropole. Und wenn nicht, zeigt einem ein rennender Hase, dass man schneller fahren muss, um nicht bei Rot an der Kreuzung warten zu müssen. „Fietsflo“ heißt die Infosäule, die radarbasiert dem Radfahrenden schon 200 Meter vor der Ampel zeigt, mit welcher Geschwindigkeit er bei Grün über die Fahrbahn kommt. Es ist eine der zahlreichen Innovationen für Radfahrende in der 340.000-Einwohner Stadt südöstlich von Amsterdam, im Herzen der Niederlande.


Utrecht: Im Fahrradparkhaus direkt am Bahnhof finden derzeit 4.500 Fahrräder Platz. @ Sascha Priesemann

Rund 60 Prozent der Wege im Zentrum Utrechts werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. In der gesamten Region, also auch auf dem Land, sind es 25 Prozent. Zum Vergleich: in Berlin werden etwa 13 Prozent der Wege mit dem Rad erledigt. Herbert Tiemens, der so etwas wie der Radverkehrsbeauftragte der Provinz Utrecht ist, führt die enorme Fahrradbegeisterung auf die breiten, komfortablen Radwege zurück, die an den Hauptstraßen konsequent vom Autoverkehr getrennt sind. So können sich auch unsichere Radfahrende und Kinder in der Stadt mit dem Rad bewegen. Zahlreiche Unterführungen und Brücken eigens für Radfahrende sorgen zudem dafür, dass man auf zwei Rädern schnell und zügig vorankommt.

Bicycle first: Wie Utrecht in den Radverkehr investiert – und dabei spart

Fast wäre Utrecht eine Autostadt geworden

Dass die Universitätsstadt mal eine der Metropolen mit einem der höchsten Radverkehrsanteile in Europa werden würde, daran war direkt nach dem Krieg nicht unbedingt zu denken. Ausgerechnet ein deutscher Planer wollte auch Utrecht in eine autogerechte Stadt verwandeln. Zahlreiche Grachten wurden trockengelegt. Auf ihnen fuhren plötzlich Autos. Das machten die Bewohner Utrechts nicht mit, protestierten und verhinderten die radikale Umgestaltung ihrer Heimat. Heute ist die Entwicklung umgekehrt. Aus früheren mehrspurigen Straßen werden Seen, die zum Verweilen einladen. Utrecht will lebenswert und attraktiv für Menschen sein, nicht für Autos. Auch deshalb wird gerade darüber diskutiert, ob ab 2050 die komplette Innenstadt autofrei sein sollte.

Die Menschen brauchen Mobilität, keine Autos

Wenn allerdings in der Innenstadt kein oder möglichst wenig Auto gefahren werden soll, braucht es andere Verkehrsmittel, die dem Mobilitätsbedürfnis der Menschen nachkommen. Der öffentliche Nahverkehr ist wie in vielen anderen Städten defizitär. In seinem „Action Plan“ (hier zum Nachlesen) hat die Stadt Utrecht daher formuliert, dass sie im Zeitraum zwischen 2015 und 2020 zu einer Fahrrad-Stadt von Weltrang werden möchte. Mit innovativen Methoden möchte sie Radfahren einfacher, sicherer und spaßiger machen. „The Bicycle comes first“, wie es in dem Plan wortwörtlich steht, fasst die Utrechter Formel perfekt zusammen.

50 Euro pro Kopf und Jahr

Doch die guten Radwege fallen auch in Utrecht nicht vom Himmel. Die Stadt investiert jährlich rund 50 Euro pro Kopf in die Radverkehrsinfrastruktur. Zum Vergleich: Der nationale Radverkehrsplan in Deutschland empfiehlt Investitionen in Höhe von 10 Euro pro Einwohner. In Berlin werden nach Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Berlin aus dem Jahr 2015 faktisch nur vier Euro pro Person in den Radverkehr investiert. Dass sich höhere Investitionen lohnen können, zeigt eine neue Untersuchung der Stadt Utrecht.

Nach dem sogenannten „Bruto Utrecht Fietsproduct“ spart die Stadt jährlich rund 250 Millionen Euro, also etwa 735 Euro pro Einwohner (hier mehr). Dieser Wert bildet den gesamtgesellschaftlichen Nutzen des Radverkehrs wieder und berechnet sich aus den theoretischen Einnahmen und Ausgaben unter der Annahme, dass sämtliche Fahrradkilometer mit dem Auto zurückgelegt worden wären. Dabei sind auch Effekte wie die Verbesserung der Luftqualität, der Gesundheit, geringere Staukosten etc. berücksichtigt.

Dass das Geld schließlich bei der Kommune und damit beim Steuerzahler lande, sorge für eine hohe Akzeptanz des Radverkehrs in Utrecht.

„Ein Euro, den wir in Radverkehrsinfrastruktur investieren, bringt uns etwa das Siebenfache zurück“

 

Aber nicht nur die gesamte Provinz profitiert vom Radverkehr. Auch die Geschäfte leben vom Fahrrad-Boom. Die Innenstadt ist gut besucht, es gibt sehr viel Außengastronomie. Denn Radfahrende sind gute Kunden. Nachdem an einer Straße Parkplätze entfernt worden und dafür ein neuer, breiter Radweg entstand, stiegen die Einnahmen der anliegenden Geschäfte um 16 Prozent. Zusätzlich wurden viele Jobs in der Fahrradbranche geschaffen. Zahlreiche Entrepreneure basteln in Utrecht an smarten Lösungen für die Stadt der Zukunft.
Fertig sind sie noch nicht

Utrecht wächst, allerdings kommen dadurch auch immer mehr Autos in die Stadt, da es durch den Zuwachs auch ein erhöhtes Mobilitätsbedürfnis gibt. Mithilfe von Radschnellwegen in die umliegenden Ortschaften will die Stadt erreichen, dass möglichst viele Pendler das Rad nutzen.

Unterführungen und Brücken machen Utrecht schnell

Als vorbildlich gilt die Schnellverbindung nach Houten, einer 50.000-Einwohner-Stadt der Provinz Utrecht im Südosten. Mithilfe von Unterführungen und Brücken gelangen auf diesem Weg rund 30.000 Radfahrende täglich in die Innenstadt und zurück. Aber auch an anderen Orten sind viele Radfahrende unterwegs. Zur Universität fahren täglich etwa 25.000 Menschen auf dem Fahrrad. An einem Knotenpunkt im Südwesten der Stadt zählte der Fietsterbond Utrecht 1.676 Radfahrende alleine in der „Rush-Hour“ zwischen acht und neun Uhr.

Der niederländische Fahrradlobbyverband wollte mit der Aktion deutlich machen, dass an der Kreuzung eine Unterführung gebaut werden sollte, damit die Radfahrenden dort zügiger vorankommen. Auch wenn in Utrecht schon vieles perfekt scheint, die steigende Zahl an Radfahrenden bringt ganz neue Herausforderungen mit sich.
Das größte Fahrradparkhaus der Welt



Das größte Fahrrad-Parkhaus der Welt steht in Utrecht und bietet Platz für 12.500 Fahrräder.

Weltrekord: Das größte Parkhaus der Welt

Eine davon betrifft das Abstellen der Fahrräder. Ein Problem, dass viele niederländische Städte kennen, denn oftmals versperren die vielen Fahrräder die Wege. Utrecht versucht es zu lösen. Mit einem Parkleitsystem hilft Utrecht Radfahrenden einen Abstellplatz zu finden. Mithilfe elektronischer Anzeigen können Radfahrende herausfinden, wo noch freie Stellplätze zu belegen sind. In der Nähe des neu gestalteten Hauptbahnhofs in Utrecht finden sich deshalb kaum Fahrräder, die einfach auf den Weg gestellt worden sind. Am Bahnhof entsteht derzeit das – nach eigenen Angaben – größte Fahrradparkhaus weltweit. Wenn es 2018 komplett fertig ist, sollen auf drei Geschossen 12.500 Fahrräder parken. Die einzelnen Ebenen sind mit dem Rad befahrbar. Da jeder Abstellplatz über einen Sensor mit einem Computer verbunden ist, erfahren Radfahrende, wo noch Stellflächen frei sind. Derzeit ist ein Teil des Fahrradparkhauses bereits fertig. Dort finden momentan etwa 4.500 Fahrräder Platz. Zum Vergleich: In das Fahrradparkhaus in Münster passen lediglich etwa 3.300 Räder.

Ein „Action Plan“ ist nötig

Im „Action Plan“ hat Utrecht das Ziel formuliert, eine Fahrradstadt von Weltformat zu werden. Gerade ist Halbzeit, zweieinhalb Jahre hat die Stadt noch Zeit, ihr ambitioniertes Ziel zu erreichen. Für viele Gäste aus dem europäischen Ausland ist die Provinz schon jetzt ein absolutes Fahrrad-Paradies. Wie es erst in ein paar sein wird? Lassen wir uns überraschen, was der Stadt Utrecht noch für Innovationen einfallen.

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