Norwegen will Europas Akku werden

Wind- und Solarstrom sind chronisch unzuverlässig. Energiemanager suchen deshalb nach Speichern, die sie in dunklen und windstillen Zeiten anzapfen können. Ein norwegischer Konzern will Wasserkraftwerke im Norden zur Batterie für den ganzen Kontinent machen.

Für Christian Rynning-Tønnesen kommt erst das Staunen und dann der Schauder. Wer wie der Chef des norwegischen Stromkonzerns Statkraft vom arktischen Forschungsstützpunkt Ny-Ålesund mit der winzigen roten Seilbahn auf den nahen Zeppelinberg zuckelt, der hat zunächst nur Augen für die atemberaubende Landschaft auf Spitzbergen: Überall strahlt es weiß; zwischen schneebedeckten Berggipfeln schiebt sich ein Gletscher neben dem anderen in den Kongsfjord. Tief unten liegen Forschungsstationen wie Kinderspielzeug.


Chydenius-Gletscher auf Spitzbergen: Norwegens Wasserkraftwerke sollen zum Akku des Kontinents werden.

Die Bahn endet in einem Holzhaus, gut 470 Meter über dem Fjord. Rynning-Tønnesen nimmt am Ny-Ålesund Symposium teil, das Wissenschaftler, Politiker und Manager zur Diskussion über umweltfreundliche Technologien zusammenbringt. Auf dem Zeppelinberg will sich der Energiemanager erklären lassen, wie Forscher Kohlendioxid und andere Treibhausgase in der Atmosphäre messen.

Und hier kommt die Sache mit dem Schauder ins Spiel.

Denn in der Station, die Teil eines weltweiten Netzwerks ist, lässt sich mit beängstigender Klarheit erkennen, wie sehr die Menschheit dem Planeten inzwischen einheizt. „Wir liegen bereits weit oberhalb der natürlichen Variation von CO2 in der Atmosphäre“, erklärt Gastgeberin Nalân Koç, Forschungsdirektorin des Norwegischen Polarinstituts.

Eiskerne aus Grönland und der Antarktis belegten, dass die CO2-Konzentration der Atmosphäre in den letzten 800.000 Jahren zwischen 180 und 280 ppm (parts per million, ein Molekül CO2 auf eine Million Moleküle Luft) geschwankt habe. Doch aktuell zeigen die Geräte auf dem Zeppelinberg bereits Messwerte von 400 ppm an.

Im Winter liegt die CO2-Konzentration traditionell höher, weil weniger Pflanzen wachsen. Im Sommer sinkt der Wert dann wieder. Doch das jährliche Wechselspiel ist längst aus dem Lot – und die Menge des Treibhausgases in der Atmosphäre legt immer schneller zu: „Aus einem Anstieg von einem ppm pro Jahr noch vor ein paar Jahren sind aktuell schon drei ppm pro Jahr geworden“, sagt Koç. „Mir war nicht klar, wie schnell sich der Anstieg beschleunigt“, gesteht Rynning-Tønnesen ein.

Strom aus Deutschland bewegt Wasser in Norwegen

Andererseits kann sich der Manager keine bessere Werbung wünschen als die Kurven der Wissenschaftler. Norwegen im Allgemeinen und Statkraft im Besonderen erzeugen Strom beinahe komplett durch Wasserkraftwerke – also ohne nennenswerte CO2-Emissionen. Doch geht es nach Rynning-Tønnesen, dann sollen auch Deutschland und andere europäische Staaten mit Hilfe dieser Anlagen ihre Stromerzeugung umweltfreundlicher gestalten.

Es geht darum, chronisch wankelmütigen Energieträgern wie Wind und Sonnenkraft mehr Verlässlichkeit zu geben. Dem Statkraft-Boss schwebt nicht weniger vor, als Norwegens Wasserkraftwerke zum Akku des Kontinents zu machen. Das ist technisch durchaus möglich, weil die Anlagen zum größten Teil Pumpspeicherkraftwerke sind. Und darin lässt sich Strom einfach puffern: Mit überschüssiger Energie – zum Beispiel aus Deutschland – wird Wasser vom unteren in das obere Becken gepumpt.

Stromspitzen an besonders windigen oder sonnigen Tagen, die sonst das deutsche Netz destabilisieren würden, könnten so sinnvoll genutzt werden. Die Turbinen brauchen gerade einmal drei Minuten, um aus dem Stillstand auf Volllast hochzufahren. Bei Energiemangel im Süden rauscht dann das Wasser wieder in die unteren Becken zurück – mit bis zu 1000 Metern Höhenunterschied.

Generatoren erzeugen Strom, der zurück nach Deutschland fließen kann: „Das ist einer der effizientesten Wege, um Energie zu speichern“, wirbt Rynning-Tønnesen. Zwar gehen rund 20 Prozent des Stroms auf der Hin- und Rückreise verloren, doch alternative Puffertechniken wie Wasserstoff- und Erdgaserzeugung aus Windkraft oder Druckluftspeicher seien noch unattraktiver, sagt der Statkraft-Chef.

Gleichzeitig werde Deutschland in den kommenden Jahren Probleme haben, sein Stromnetz stabil zu halten – wenn neben den verbliebenen Atommeilern auch alte Kohle- und Gaskraftwerke vom Netz gehen, die jetzt noch für einen Ausgleich sorgen können. Hier wollen die Norweger einspringen: „Wir müssen dafür noch nicht einmal neue Talsperren bauen“, wirbt Rynning-Tønnesen. Stattdessen will er bestehende Werke mit neuen Generatoren ausrüsten. Mit 200 bis 300 zusätzlichen Anlagen ließen sich aus Sicht des Firmenchefs kurzfristig Leistungsspitzen von 25.000 Megawatt aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in Norwegens Stauseen zwischenspeichern. Das wäre ein Drittel der durchschnittlich im deutschen Netz abgerufenen Leistung.

Doch längst nicht jeder Norweger teilt diesen Enthusiasmus – vor allem, weil zahlreiche neue Freileitungen gebaut werden müssten. Das Netz im Süden des Landes ist aktuell noch nicht fit für den Anschluss an eine Nordsee-Stromautobahn. Neue Masten verstören viele Anwohner, am Hardangerfjord hat es bereits Proteste gegeben. Und auch in Deutschland müssten neue Stromleitungen her – ebenfalls kein einfaches Unterfangen.

Damit aus der kühnen Vision Wirklichkeit werden kann, fehlen außerdem noch die Verbindungen über die Nordsee. Etwa ein Dutzend von ihnen wären nötig, um Rynning-Tønnesens ambitionierten 25.000-Megawatt-Plan wahr zu machen, sagt der Manager. Deutsche Energieunternehmen nennen sogar noch höhere Zahlen. Doch nur an einem einzigen Kabel wird derzeit gearbeitet.

Ambitioniert, aber machbar

Mit dem 1,4-Milliarden-Euro-Projekt „NorGer“ plant der norwegische Konzern Statnett eine knapp 600 Kilometer lange Hochspannungsleitung am Meeresgrund. Das Gleichstromkabel soll irgendwann ab dem Jahr 2018 rund 1.400 Megawatt zwischen Norwegens Südküste und Niedersachsen transportieren können. „NorGer kann kommen“, beteuerte Niedersachsens Umweltminister Stefan Birkner (FDP) in der vergangenen Woche. Sein Land habe die notwendigen Voraussetzungen geschaffen: „Das Genehmigungsverfahren ist weit fortgeschritten.“

Doch es bleiben noch viele Unwägbarkeiten: Gestritten wird zum Beispiel darum, wo genau das in der Nordsee vergrabene Kabel an das deutsche Hochspannungsnetz angebunden wird. Die Station muss den Gleichstrom aus dem Kabel in den Wechselstrom umwandeln, der an Land genutzt wird. In der Diskussion ist neben einem Neubau bei der Gemeinde Moorriem ein Standort auf dem Gelände des vom Netz gegangenen Atomkraftwerks Unterweser.

Auch wer für die Kabel zahlt, ist noch nicht klar. Bei Statkraft schließt man aber nicht aus, dass man sich an einem Konsortium beteiligen oder bestimmte Mengen an Leitungskapazität verbindlich einkaufen könnte. Selbst bauen darf man die Leitung aus regulatorischen Gründen nicht.

Neben Deutschland interessieren sich auch andere europäische Staaten für den Akku im Norden. Die Niederlande haben über das Kabel „NorNed“ seit 2008 eine Verbindung zum norwegischen Netz. Die Dänen sind sogar mit mehreren Leitungen („Cross-Skagerrak“) mit den Nachbarn im Norden verbunden. England („HVDC Norway-Great Britain“), Schottland („NorthConnect“) und seit Kurzem sogar Island denken über Kabelprojekte nach. Briten und Holländer sind wiederum mit dem brandneuen „BritNed“-Strang verbunden.

Rynning-Tønnesen gibt sich optimistisch, dass noch weit mehr Stromautobahnen im Meer dazukommen: „Wir haben auch ein Gaspipeline-System aufgebaut, das heute ein Viertel des Erdgases in Deutschland liefert. Es ist nicht unmöglich, dass wir so etwas auch für den Strom schaffen.“

via: http://www.spiegel.de/wissenschaft/

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