Schöne neue Welt

Interview mit Claus Kleber. Als Aldous Huxley im Jahre 1932 sein berühmtes Buch „The Brave New World“ schrieb hätte er sich wahrscheinlich nicht denken können, dass nur ca. 80 Jahre später viele seiner Visionen Realität sind. Oder doch nicht? Ist es jetzt gut oder schlecht, was gerade im Silicon Valley passiert? Künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos und vieles mehr hat Claus Kleber in seiner viel beachteten Doku für das ZDF entdeckt und mit deren Erfinder gesprochen. Haben Sie die schöne neue Welt gefunden, Herr Kleber? Ein Interview.


„Die Welt wird auf den Kopf gestellt“

Im Buch „The Brave New World“ wurde der überwiegende Teil der Menschheit in einem einzigen Weltstaat unter einer Weltregierung zusammengefasst. Zu diesem Zeitpunkt begann die „moderne Zivilisation“, in der sich Menschen nicht mehr auf natürliche Weise vermehren und von Eltern erzogen heranwachsen, sondern in staatlichen Brut- und Aufzuchtszentren produziert werden.

Leben wir schon in dieser Welt? Leben wir unter dem Diktat des Silicon Valles und haben es nur noch nicht gemerkt? Claus Kleber über revolutionäre Entwicklungen, unbefangene Forscher und die Faszination Silicon Valley.

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Schöne neue Welt

Die Dokumentation zeigt, mit welchen Ideen die Visionäre der kalifornischen Hightech-Firmen die Welt verändern wollen und hinterfragt, welche Folgen das für unser aller Leben haben wird. (19.06.2016)

Thomas Hagedorn: Mit Angela Andersen sind Sie bereits 2007 in der ZDF-Dokumentation „Amerikas andere Seite“ dem nachgegangen, was Kalifornien und vor allem das Silicon Valley „besser macht“. Wie ist die Entwicklung weitergegangen? Inwiefern bestimmt das Silicon Valley heute unsere Zukunft?

Claus Kleber: Es ist rasant weitergegangen: in der Medizin, in der Hirnforschung, in der Art, wie wir als Gesellschaft kommunizieren, Entscheidungen treffen, Stimmungen messen und beeinflussen – all das wird sich verändern durch die Entwicklungen derzeit in Silicon Valley. Dort wird die Welt auf eine Weise auf den Kopf gestellt, wie es das in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation selten gegeben hat. Es geht so viel Energie von dort aus – und eben das versuchen wir in den 60 Filmminuten unserer neuen Dokumentation zu erfassen.

Hagedorn: Viele Pioniere im Silicon Valley sind bisher nicht durch Interviewmarathons und überbordende Auskunftsfreude aufgefallen. Wie leicht war es denn, die richtigen Gesprächspartner für Ihre Doku zu bekommen?

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ZDF-Doku: Claus Kleber besucht das Silicon Valley. (Foto: ZDF)

Kleber: Silicon-Valley-Größen wie Larry Page, der Google-Gründer, oder Mark Zuckerberg von Facebook geben so wenig Interviews wie möglich – diesen Gesprächspartnern nachzujagen, lohnt meist nicht. Viel interessanter sind Vordenker wie Astro Teller, der Google X leitet, die Forschungseinheit des Internetkonzerns. In den Gesprächen mit diesem breit aufgestellten Intellektuellen wird das neue Bild des Silicon Valley klarer. Der Enkelsohn des amerikanischen Physikers Edward Teller wurde von Larry Page und Sergey Brin dafür engagiert, die Milliarden Dollar, die im hohen Tempo „reinkommen“, in neue Projekte umzusetzen. So ist Astro Teller mit seinem Google X-Labor beauftragt, so viele unmögliche Ideen möglich zu machen, wie er nur kann: das selbstfahrende Auto, die Kontaktlinse, die permanent den Blutzucker misst, der Minicomputer, den man schluckt, damit die Diagnostik aus dem Körperinneren möglich wird. Vom Google Translator für sämtliche Sprachen der Welt bis zur künstlichen Intelligenz werden in hoher Frequenz Sachen ausprobiert, bei denen die Forscher auch bereit sein müssen zu scheitern. Und Geld ist genug vorhanden, dass sie sich das Scheitern auch leisten können.

Hagedorn: Haben Sie denn auch Gesprächspartner getroffen, die Bedenken geäußert haben, dass man nicht alles einfach erstmal ausprobieren kann, sondern auch gelegentlich überlegen sollte, wohin manche Entwicklung führen könnte?

Kleber: Wenn einem die Gesprächspartner mit großen Augen erzählen, was sie alles möglich machen wollen, fasziniert einen das zunächst. Sie sagen: Eine Millionen Menschen sterben pro Jahr durch Autounfälle – lasst uns ein Auto bauen, das selbst fährt und keine Unfälle mehr produziert. Wir würden da nun erst einmal Fragen stellen, wie: Ist das denn so? Und wollen wir mit den selbstfahrenden Autos unsere Datenströme eigentlich permanent erweitern? Wollen wir zudem, dass 17 Millionen Jobs den Bach runtergehen, die in den USA mit der Autoindustrie verbunden sind? Ein Gesprächspartner sagte uns, eine der großen Stärken des Silicon Valley sei, dass die Regierung zu langsam agiere, um die Entwicklungen dort zu kontrollieren. Ein anderes Beispiel: Jennifer Doudna, Professorin an der Universität Berkeley und Revolutionärin der Gentechnik, weiß durchaus, dass sie die „Büchse der Pandora“ geöffnet hat, sagt aber: Zurückholen können wir das nicht mehr.

Hagedorn: Wie hat diese Gesprächspartnerin denn die Gentechnik vorangebracht?

Kleber: Im Labor von Professorin Doudna wurde ein Verfahren entwickelt, mit dem man die Gene von Pflanzen, Tieren und Amöben punktgenau erfassen und verändern kann: Man schneidet sie – wie Absätze in einem Word-Dokument – einfach heraus und setzt sie woanders wieder ein. Mit dieser Technik werden in China bereits Tiere gezüchtet.

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Unicorn nennt man im Silicon Valley Start-Ups, die quasi über Nacht zu Millionen-Dollar Unternehmen werden.

Hagedorn: Welche Entwicklung im Silicon Valley – von der Gentechnik bis zur Hirnforschung – hat Sie denn auf dieser Recherchereise besonders überrascht?

Kleber: Am meisten hat mich die Unbefangenheit vieler Forscher überrascht. So sagte mir ein Gesprächspartner, dass er permanent von einem Computer begleitet werden möchte, der alle seine Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse aufzeichnet und der es möglich mache, wenn wir uns nach 20 Jahren zum Gespräch wiedertreffen würden, dass er ihm melde: den hast du vor 20 Jahren da und dort getroffen und ihr habt dies und das besprochen. Ich finde das eine eher unheimliche Vorstellung. Insgesamt sind die Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz bemerkenswert – gerade, wenn es um schöpferische Intelligenz aus dem Rechner geht, die permanent dazu lernt. Elon Musk, der mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX und den Tesla-Motoren bekannt wurde, sagte dazu: „Ich habe dort Geld investiert, um es unter Kontrolle zu halten – irgendwann können uns die Maschinen überholen.“ Der Neurowissenschaftler Adam Gazzaley arbeitet deshalb daran, dass wir unser Gehirn verbessern. Er geht davon aus, dass wir das Gehirn, mit dem wir vor vielen tausend Jahren von den Bäumen geklettert seien, schneller machen müssen, sonst kommen wir mit den Informationsströmen gar nicht mehr zurecht, die auf uns einprasseln.

Hagedorn: Ist denn Ihre Faszination für das Silicon Valley nach diesen neuerlichen Dreharbeiten in Kalifornien weiter ungebrochen?

Kleber: Es ist absolut faszinierend – mit schillernden Farben von: „Hoffentlich schafft ihr das“ bis zu „Gott, was macht ihr da“. Aber es wird in jedem Fall unsere Zukunft mitbestimmen, deswegen müssen wir uns dieser „schönen neuen Welt“ stellen.

Hagedorn: Und was sagen Sie Ihren Zuschauern, auf was diese sich in den 60 Filmminuten einstellen müssen?

Kleber: Es wird kein Film, in dem Nerds auf Bildschirme starren und dauernd irgendwelche LED-Lampen blinken, sondern ein optisch vielfältiger Film, bei dem die Zuschauer hinterher hoffentlich sagen. Wow, das hatte ich mir nicht vorgestellt, dass die Entwicklung schon so weit ist.

Wer die richtungsweisende Dokumentation am 19.6. im ZDF verpasst hat, kann sie sich auf Energy-Mag in voller Länge ansehen – es lohnt sich:

Quelle: ZDF.de

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