Seegras-Sprit auf alten Bohrinseln

Das auf Bohrinseln Öl gefördert wird und daraus Benzin für unsere Autos hergestellt wird ist nichts neues, aber ein Auslaufmodell. Die Firma Sea6 Energy will alte Bohrinseln nutzen, um aus riesigen Seegras-Farmen im Meer ebenfalls Treibstoff zu erzeugen. Sprit aus Seegras – der Turbopflanze zur Energie Revolution.


Sprit und Gas aus Mais und Raps haben in Zeiten rasch wachsender Bevölkerungen und dadurch knapper werdender Nahrungsmittel keine Zukunft, so die vorherrschende Meinung in der Wissenschaft. Doch Forscher und Energiekonzerne interessieren sich auf einmal für Seegras, Unkraut und schnell wachsende Minibäume. Denn die gedeihen dort, wo andere Pflanzen eingehen würden.


Seegras – Das Turbogewächs. Schon seit langem wird in Afrika und anderen Entwicklungsländern Seegras angepflanzt und nach Europa exportiert.

Über etliche Kilometer erstrecken sich die Seegrasplantagen vor der Ostküste Indiens. Die Seepflanzen sind die ersten Schritte einer Treibstoffrevolution, die das dänische Biotech-Unternehmen Novozymes zusammen mit dem indischen Startup Sea6 Energy vorbereitet. Die Energiepioniere wollen in wenigen Jahren Seegrasfarmen so groß wie 100 Fußballfelder rund um ausgediente indische Ölbohrinseln anlegen.

Biosprit für ganz Indien

Die Inder haben schwimmende Netze konstruiert, auf denen die Pflanzen auch weit draußen auf dem Meer Halt finden, denn normalerweise wächst Seegras nur in Landnähe. Spezialmaschinen auf Booten sollen das Blattwerk sechs Mal im Jahr ernten – und auf den Bohrinseln zu Kraftstoff verarbeiten.

Damit entstünde eine riesige natürliche Treibstofffabrik. Laut Sea6 Energy könnten die Plattformen mit Seegras auf einer Meeresfläche von einigen Zehntausend Hektar genug Biosprit produzieren, um den gesamten indischen Bedarf zu decken – rund 100 Millionen Tonnen pro Jahr.

Quasi nebenbei würden die Bohrinseln zu hoch effizienten Bioenergiefarmen. Zum Beweis, dass es funktioniert, hat Sea6 Energy-Chef Shrikumar Suryanarayan schon eine ganze Menge Seegrassprit im Labor erzeugt: 250 Liter je Tonne Biomasse; vier bis fünf Mal so viel wie brasilianische Farmer aus einer Tonne Zuckerrohr gewinnen – und das, ganz ohne wertvolles Ackerland zu nutzen.


Das indische Unternehmen Sea6 Energy will an ausgedienten Ölbohrinseln Plantagen mit Seegras aufbauen. Die sehr schnell wachsenden Wasserpflanzen werden anschließend direkt auf den Bohrinseln zu Sprit verarbeitet.

Die Öl Industrie will einsteigen

Die Idee von Sea6 Energy scheint gut zu sein. Denn die Öl-Multies zeigen großes Interesse: „Wir haben Probleme, uns die Ölkonzerne vom Hals zu halten. Die wollen uns kaufen und sich die Idee exklusiv sichern“, sagt Suryanarayan, der als Biochemiker der Eliteuniversität Indian Institute of Technology (IIT) hoch angesehen ist. Auch israelische und amerikanische Forscher arbeiten an solchen Ideen. Keiner aber ist so weit wie Suryanarayan.

Seegras wächst schnell und überall

Weltweit hoffen Ölmanager und Lebensmittelkonzerne, dass die Energiepioniere Erfolg haben werden. Denn Mais, Raps und Getreide, aus denen Biosprit und Biogas bislang gebraut werden, sind in Zeiten knapper werdender Nahrungsmittel allenfalls Übergangslösungen. Die Energiepflanzen von morgen gefährden die Ernährung der Weltbevölkerung nicht mehr. Neben dem indischen Seegras sind es robuste, teils meterhohe Gräser, wilde Blumen und unkrautartig wuchernde Minibäume.

Erst im Juli letzten Jahres stellte ein Gutachten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina der Bioenergie aus Mais und Raps ein vernichtendes Zeugnis aus: Deren Produktion sei nicht effizient und ökologisch fragwürdig. Sie setze, über den Lebenszyklus betrachtet, zu viele Treibhausgase frei, und der Anbau stehe in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.

Mit den neuen Energiepflanzen lassen sich viele der Probleme lösen und da man Seegras nicht essen kann wird sich auch die „Teller-oder-Tank-Debatte“ entschärfen, sagt Agrarexpertin Iris Lewandowski von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Das neue Energiegrün wächst an Orten, die für die Nahrungsmittelherstellung völlig ungeeignet sind: Im Meer, auf kargen Böden – einige Arten wachsen sogar in der Wüste.

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