Das kalte Netz – die Wärme-Revolution aus der Provinz

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Nahwärmenetz Dollnstein. Viel wird geschrieben über das Misslingen der Energiewende doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, daß die meisten Ausagen zu diesem Thema entweder politisch motiviert oder von Interessen geleitet sind.

Die großen Energieversorger wollen diese Wende nicht. Sie sind nämlich an erster Stelle Energieverkäufer. Das heißt: wie ein Autoverkäufer auch, wollen sie möglichst viel Auto/Energie verkaufen. Man kann es ihnen nicht einmal verdenken.

Umso wichtiger ist es, daß wir, die Bürger, dies verstehen und unsere Energiewende selber in die Hand nehmen.

Das kleine Dollnstein ist bereit zur Revolution

Im kleinen und beschaulichen Dollnstein im Altmühltal, an der Altmühl gelegen, hat man diese Lektion bereits gelernt und geht mit wärmeenergetischem Beispiel voran. Die Gemeinde plant ein Nahwärmenetz das weltweite Standards setzen soll.

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Das Altmühltal, auch Urdonautal genannt. Neuartige Energie- und Wärmekonzepte kommen aus der Provinz.

30 Grad statt 80

Werden herkömmliche Wärmenetze wie das Fernwärmenetz der Landeshauptstadt München zum Beispiel mit einer Temperatur von permanent 80 Grad gefahren, so will Dollnstein sein Nahwärmenetz gerade einmal mit 30 Grad zirkulieren lassen.

Bereits im Physik-Unterricht der 8. Klasse lernt jeder Pennäler, daß, um eine Wassermenge von 30 auf 80 Grad zu erhitzen ein Vielfaches als die doppelte Energie von Nöten ist, denn die benötigte Wärmeenergieeinheit steigt exponential an.

Das „kalte Netz“ wird Realität

Ein Wärmenetze mit 30 Grad zu betreiben ist also eine sehr gute Idee, spart jede Menge Energie und ist für den Betrieb einer Fußbodenheizung unter Umständen sogar ausreichend.

Was die Dollnsteiner offensichtlich nicht bedacht haben, ist, daß in einem Wärmenetze auch höhere Temperaturen als 30 Grad benötigt werden, zum Duschen zum Beispiel. Sollen alle Dollnsteiner Bürger also kalt duschen, um Energie zu sparen? Oder waren hier etwa die Schildbürger am Werk?

Die Idee: Sehr warmes Wasser nur wer und wann man es braucht

Das Dollnsteiner Nahwärmenetz wendet zur Wärmeerzeugung für Temperaturen über 30 Grad einen einfachen und zugleich genialen Zaubertrick an. An jedem Haus komprimiert eine Wärmepunpe das 30 Grad warme Wasser auf Temperaturniveaus, wie sie zum Duschen oder für andere Brauchwasser Verwendungen von Nöten sind. Die Wärmepumpe schaltet sich immer nur dann ein, wenn der individuelle Haushalt mittels Regeltechnik signalisiert: jetzt brauche ich sehr warmes Wasser. Bei Bedarf also.

Der erstaunte Leser des Artikel fragt sich nun: kam auf diese Idee denn noch niemand? Nein, auf diese Idee kam noch niemand.

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Dollnstein hat eine Burgruine, eine wunderschöne Landschaft, die Altmühl und bald auch ein Nahwärmenetz, das weltweit Standards setzen soll.

Das „kalte“Netz: In den Monaten Mai bis Ende September, wird die Netztemperatur auf 20 bis 30 °C abgesenkt. Hiermit werden die hohen Netzverluste in den Sommermonaten erheblich verringert. Die geringe Sommer-Heizlast wird durch eine thermische Solaranlage, die das Netz mit Temperaturen größer 20°C versorgt, abgedeckt. Dies ist mit einem „warmen“ Netz nicht machbar.

Die Übergabestationen werden mit einer kleinen Wärmepumpe (Stromaufnahme bis 1,5 kW, Heizleistung bis 10 kW) ausgestattet. Diese Wärmepumpen erzeugen eine Temperatur bis 70 °C für die Warmwasserbereitung und Sommerheizung. Die Übergabestationen werden über eine Datenleitung miteinander vernetzt und können zentral zugeschaltet werden, um den PV-Strom sinnvoll zu nutzen.

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Nahwärmenetz Dollnstein. Die Rohre des Netzes sind bereits verlegt und das Wärmenetz soll ab April 2014 seinen Betrieb aufnehmen.

Einsparung: schlappe 40% weniger Energie und 69% weniger Co2

Addiert man die Energie, die benötigt wird um das Netz mit 30 Grad unterhalb der 50 bisher geplanten, angeschlossenen Häuser zu betreiben und die Energie die benötigt wird, um die ebenfalls 50 Wärmepumpen mit Strom zu versorgen und vergleicht diese Energie wiederum mit dem Energiebedarf eines herkömmlichen mit 80 Grad warmen Wasser betriebenen Wärmenetzes, wie das der Stadt München (Dollnsteiner Hauptstadt), so ergeben sich Einsparungspotenziale von 40 und ein verminderter Co2 Ausstoß von 69 Prozent.

Null Prozent herkömmliche Energie

Doch damit ist noch lange nicht genug. In den Sommermonaten, also ca. von Mai bis Ende September wird das gesamte Wärmenetz durch die Kombination von Photovoltaik und Solarthermie zu 100% Erneuerbar laufen. Es wird also 0% herkömmliche Energie benötigt.

Lediglich in den Wintermonaten muss Strom für den Betrieb der Pumpen zugekauft werden. Die professionellen Stromverkäufer sind darüber verständlicherweise nicht sehr begeistert, die Dollnsteiner Bürger hingegen sehr.

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Bei Ingolstadt links und dann immer geradeaus (von München aus gesehen). Die Marktgemeinde Dollnstein im Altmühltal hat gerade einmal 2.794 Einwohner (Quelle Wikipedia).

Ein Oskar für alle

Nun steckt hinter dieser pfiffigen Nahwärmenetz Idee nicht die Marktgemeinde Dollnstein, sondern die Firma Ratiotherm, seines Zeichens Schichtspeicherhersteller und ebenfalls im Altmühltal ansässig und hier, an allererster Stelle, deren Chef-Entwickler Alfons Kruck.

Er hatte bereits im Jahre 2010 der Marktgemeinde Dollnstein das innovative Wärmenetz Konzept vorgestellt und auch schnell Mitstreiter in der Gemeinde gefunden. Auf Nachfrage erklärt uns Kruck:

„Das Entscheidende bei allen Wärmenetzen, und Energiekonzepten überhaupt, ist die Trennung von Netzbetreiber und Energielieferant. Nur so hat der Netzbetreiber ein eigenes Interesse Energie günstig einzukaufen und nicht „viel“ zu verkaufen.

In unserem Falle, Nahwärmenetz Dollnstein, ist dies durch ein Kommunalunternehmen gewährleistet, das zu 100% in der Hand der Markt Dollnstein liegt, also letztlich bei den Bürgern selbst.“

Power to the people

„Die Gesellschaft wiederum versucht möglich günstig an Energie für das Betreiben des Wärmenetzes heranzukommen. In unseren Falle wird es eine Kombination aus Gas und Hackschnitzeln sein, die wir auf dem freien Markt einkaufen. Das Netz läuft Co2- und damit klimaneutral und 40% günstiger als bisher.

Wir von Ratiotherm haben natürlich auch etwas davon, schmunzelt Kruck, denn in jedem der ans Netz angeschlossenen Häuser wird wahrscheinlich einer unserer Schichtspeicher Oskar seinen Dienst tun. Ein Oskar für alle. Die Privathaushalte können aber natürlich selbst entscheiden welche Technik sie nutzen möchten.“

Energy-Mag: Herr Kruck, können Sie uns noch sagen, warum die Stadt München, wenn das alles so einfach ist, ihr Fernwärmenetz mit 80 Grad durch ganz München zirkulieren lässt?

Alfons Kruck: Im Falle München ist der Betreiber und der Energielieferant ein und dieselbe Person, die Stadt München nämlich. Und die verdient mit dem Betrieb und dem Verkauf der 80 Grad jede Menge Geld. Aber mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen. Die Menschen sollen sich selbst einen Reim darauf machen.

Energy-Mag: Herr Kruck, vielen Dank für das wirklich sehr interessante Gespräch. Power to the people.

Gold Trophy
Wir finden: Das Nahwärmenetz Dollnstein hat auch einen echten Oskar verdient.

Kooperationspartner:

Marktgemeinde Dollnstein
Fachhochschule Friesdorf > wissenschaftlicher Teil
Ratiotherm GmbH & Co. KG, Dollnstein > technischer Teil
Planungsbüro Team für Technik, Eichstätt

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Comments

  1. Finde ich hochinteressant.
    Eine Schwachstelle wird aber schon jetzt deutlich:
    Hackschnitzel !
    Wo soll – bei flächendeckender Einführung – das Holz für die Hackschnitzel herkommen ???
    Schon jetzt sind unsere Wälder unter Druck durch vermehrte Nachfrage nach Holz insgesamt, vor allem aber Brennholz. Ausgeräumte Wälder – dezimiert täglich durch neue Windkraft-Anlagen – können wohl nicht ernsthaft
    als ökologisches Ziel anvisiert werden. Und: Deutschland hat viel Wald. Was macht der Rest der Welt
    bei täglich schwindenden Waldreserven ?

    • Lieber Herr Schröder,
      natürlich dürfen wir unsere Wälder nicht überfordern; aber Sie vergessen: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und damit klimaneutral. Natürlich muss der Wald entsprechend aufgeforstet werden, viele Holzarten wachsen aber sehr schnell. Die Hackschnitzel in dem Falle Nahwärmenetz Dollnstein kommen, soweit wir wissen, aus Polen. Da gibt es noch viel mehr Wald als in Deutschland.

      Ausserdem ist ein Nahwärmentz mit Hackschnitzeln zu beheizen nur eine Möglichkeit unter vielen. Ziel muss es sein eine ausschließliche Beheizung mit Solarthermie zu erreichen. Hier wird der Speicher die zentrale Rolle spielen. Sehen Sie hier: http://www.energy-mag.com/vakuumspeicher-erhoht-solaren-deckungsgrad/ oder hier: http://www.energy-mag.com/quo-vadis-solarthermie/
      MfG

  2. Fehler im Artikel (2.Absatz unter „30 Grad statt 80“):
    Wärmemengen bzw. thermische Verluste wachsen nicht exponentiell mit der Temperaturdifferenz sondern linear an.
    Wolfgang Buttner aus Landsberg

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