Steigende Strompreise – die Wahrheit

Die Erneuerbaren sind kaum für die steigenden Strompreise verantwortlich, das sagt der Vorstand des Ökostrom-Anbieters Naturstrom Oliver Hummel im Interview. Woher kommt dann also die öffentliche und mediale Meinung, die Energiewende sei für steigende Strompreise verantwortlich? Alles nur Propaganda? Lesen Sie das Interview auf Energy-Mag.


“Erneuerbare sind kaum für steigende Preise verantwortlich”, Oliver Hummel, Vorstand Naturstrom

Naturstrom ist mit 225.000 Kunden einer der größten Ökostromanbieter. Das Düsseldorfer Unternehmen will aber nicht nur importierten Wasserstrom aus Österreich in Deutschland vermarkten, sondern grünen Strom aus Deutschland verkaufen. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn Strom, der nach dem ErneuerbarenEnergien Gesetz (EEG) gefördert wurde, darf nicht als Grünstrom vermarktet werden.

Das Unternehmen Naturstrom engagiert sich daher seit Jahren dafür, dass mehr und mehr Erzeuger ihren Strom direkt vermarkten, den es als Händler dann aufkaufen kann. Wieso sie das tun und was das für den Markt bedeutet, erklärt uns Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel.

Alle sprechen über Strompreiserhöhungen durch grünen Strom. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Hummel: Wieso sollten wir?

Immerhin treiben Sie den Ausbau erneuerbarer Energien mit Ihrem Unternehmen voran. Die Kosten dafür holen Sie sich dann bei ihren Kunden über die EEG-Umlage, mit der Sonnen- und Windstrom gefördert werden, wieder zurück.

Hummel: Wir verursachen die Strompreiserhöhungen nicht, ganz im Gegenteil. Wir arbeiten daran, dass grüner Strom billiger wird. Wir haben die Einkaufskosten unseres Ökostroms gesenkt und diesen Vorteil an unsere Kunden weitergeben. Daher haben wir die Preise trotz höherer EEG-Umlage im Vergleich zu vielen Wettbewerbern nur moderat erhöht.

Um wie viel haben Sie Ihre Preise angehoben?

Hummel: Um 2,35 Cent pro Kilowattstunde, inklusive Mehrwertsteuer, also weniger, als die Steigerungen der EEG-Umlage und der Netzentgelte ausmachen. Mit unserem Preis von 25,75 Cent pro Kilowattstunde sind wir somit um zwei Cent günstiger als die Grundversorgung in Berlin.

Viele Versorger haben wesentlich mehr draufgeschlagen als Sie. Wie erklären sie sich das?

Hummel: Weil es sich die Verbraucher gefallen lassen. 40 Prozent der Haushalte haben ihren Stromanbieter noch nie gewechselt. Hinzu kommt: Die Versorger sehen sich in einer guten Argumentationslage. In den Medien wurde bereits Monate vorher über die steigende EEG-Umlage berichtet.

Nun sind also auch die Medien Schuld?

Hummel: Die Berichterstattung über die erneuerbaren Energien erscheint mir in diesem Jahr zu einseitig negativ. Für die Energieversorger ist es so ein Leichtes, die Verantwortung für die eigene Preiserhöhung pauschal auf den Gesetzgeber abzuschieben.

Heißt das, die meisten Erhöhungen sind überzogen?

Hummel: Normale Tarife mit Atom- oder Kohlestrom von deutlich über 27 Cent pro Kilowattstunde deuten entweder auf einen unglücklichen Stromeinkauf oder stattliche Margen hin. Nicht gerechtfertigt ist jedenfalls die immer wieder verbreitete Ansicht, allein der Ausbau der erneuerbaren Energien sei für die gestiegenen Preise verantwortlich. Im Zuge der letzten Gesetzesnovellen wurde die EEG-Umlage auch durch Ausnahmen und Rücklagen aufgebläht, was die Energiewende teurer erscheinen lässt.

Aber das ist politisch gewollt. Die weitgehende Befreiung der Industrie von den Kosten der Energiewende soll sicherstellen, dass keine Arbeitsplätze durch steigende Strompreise verloren gehen.

Hummel: Schon, ja. Aber man darf auch die Frage stellen, ob mittlerweile nicht zu viele Unternehmen von den Ausnahmen Gebrauch machen können. 23 Prozent der Umlage gehen auf die weitest gehende Befreiung großer Unternehmen von der Umlage zurück. Aber die Kosten steigen auch an anderer Stelle. Für weitere 13 Prozent des EEG-Anstiegs ist ein Ausgleich von Prognosefehlern bei der Berechnung der EEG-Umlage für 2012 verantwortlich. Darüber hinaus gibt es noch kleinere Posten wie die sogenannte Liquiditätsreserve der Netzbetreiber, die ebenfalls zur Erhöhung der Umlage beitragen. Nur ein sehr kleiner Teil der EEG-Umlagenerhöhung geht auf den tatsächlichen Ausbau für grünen Strom zurück. Erneuerbare sind kaum noch für steigende Preise verantwortlich.

Das müssen Sie erklären.

Hummel: Die reinen Kosten für den Ausbau der Ökostromerzeugung haben schon in diesem Jahr nur noch einen Anteil von elf Prozent am Anstieg der EEG-Umlage. Jedes zusätzlich installierte Gigawatt Windenergieleistung kostet eine vierköpfige Familie daher nur noch 7 Cent mehr im Monat. Gerade Windenergieanlagen an Land erzeugen Strom zu sehr günstigen Preisen. Den Betreibern dieser Anlagen muss daher ermöglicht werden, ihre Stromerzeugung direkt im Markt unterzubringen und sie nicht über das EEG vergüten zu lassen.

Warum?

Hummel: Ökostrom, der nach dem EEG gefördert wurde, darf in Deutschland nicht mehr als Ökostrom vermarktet werden. Er kann nur noch als normaler Graustrom verkauft werden. Das macht es Unternehmen wie uns schwer, Ökostrom aus Deutschland zu beziehen. Das ist langfristig für die Glaubwürdigkeit von Ökostrom in Deutschland wichtig.

Aber wieso sollten Erzeuger sich darauf einlassen? Ohne EEG-Förderung verdienen sie weniger.

Hummel: Nein. Windanlagenbesitzern, die Ihren Strom direkt an einen Händler verkaufen und zu dieser Zeit auf die EEG-Vergütung verzichten, verdienen mindestens so viel wie sie nach dem EEG auch bekommen hätten. Das funktioniert aus zwei Gründen. Erstens: Windenergieanlagen, insbesondere ältere an guten Standorten, produzieren zu Kosten nahe dem viel niedrigeren Strombörsenpreis. Zweitens: Händler, die mehr als 50 Prozent ihres Stroms aus solchen Anlagen abnehmen und dazu noch weitere Bedingungen erfüllen, erhalten zur Kompensation einen Nachlass von zwei Cent auf die EEG-Umlage. Diesen Nachlass können Sie zum Teil an die Erzeuger weitergeben.

Wie setzt sich ihr Erzeugungsmix zusammen?

Hummel: Ein großer Teil des von uns verkauften Stroms kam 2011 aus solchen EEG-befreiten Windkraft-Anlagen, nämlich knapp 40 Prozent. Ein zentraler Punkt in der Kostendiskussion wird meines Erachtens aber immer übersehen. Neue Windkraftanlagen können den Strom zu etwa 9 Cent pro Kilowattstunde erzeugen und auch größere Fotovoltaik Anlagen sind davon nicht mehr weit entfernt. Neue Atom- oder Kohlekraftwerke produzieren auch nicht viel billiger.

Abgeschriebene, konventionelle Kraftwerke produzieren für 3 Cent pro Kilowattstunde.

Hummel: Ja. Aber wie lange wollen sie mit denen noch leben? Die Kostenfrage ist also nicht primär erneuerbar oder konventionell, wie ständig behauptet wird, künftig geht es nur noch um die Frage: alt oder neu.

Sollte das EEG abgeschafft werden, jetzt, wo Erneuerbare konkurrenzfähig sind?

Hummel: Nein. Wenn wir es jetzt abschaffen, würden wir das Wachstum der erneuerbaren Energien abwürgen und hätten viel Geld in den Sand gesetzt.

Was sollte Umweltminister Peter Altmaier tun?

Hummel: Er sollte dafür sorgen, dass die Förderung einer dezentraleren Erzeugerstruktur, wie sie vom EEG bisher erfolgreich geleistet wurde, erhalten bleibt. Er muss dabei aufpassen, dass künftig nicht vor allem auf teure Großprojekte wie riesige Offshore Windparks gesetzt wird, die nur Stromkonzerne finanzieren können. Außerdem sollte er Anreize für eine Angleichung von Ökostromangebot und -nachfrage schaffen, sei es auf Händler- oder auch auf Erzeugerseite. Vielleicht sollten wir die EEG-Umlage künftig auch anders berechnen.

Damit nicht die Subventionen zunehmen, wenn die Preise an der Strombörse fallen?

Hummel: Ja. Je erfolgreicher der Ausbau der erneuerbaren Energien die Börsenpreise senkt, desto schneller steigt die EEG-Umlage. Eine Atom- oder Kohleumlage sucht man jedoch vergeblich. Diese Subventionen werden aus dem Staatssäckel gezahlt, also auch vom Kunden, ohne dass er das irgendwo sehen oder merken könnte. Eine sehr ungerechte Darstellung.


Oliver Hummel gab das Interview dem Online-Portal WiWo Green der Wirtschaftswoche >>

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Comments

  1. Ein sehr interessantes Interview mit Ansichtweisen und Erklärungen, die ich so bis dato gar nicht gesehen habe.

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