Wir brauchen neue Städte

Die Stadt der Zukunft. Vor unseren Augen vollzieht sich eine neue Völkerwanderung, denn Ende dieses Jahrhunderts werden 75 Prozent der Menschheit in Städten leben. Die Stadtplanung von heute bestimmt ihre Überlebenschancen – und die des gesamten Planeten. Doch können solche Mega-Cities noch lebenswert sein? Die Zeit drängt, wir brauchen neue Städte.


Unsere Zukunft entscheidet sich in der Stadt

Vor unseren Augen vollzieht sich eine neue Völkerwanderung, die den ganzen Planeten erfasst. Die ganze Menschheit migriert – von Haus zu Haus, vom Land in die Stadt, vom Dorf in die Metropole, vom Heimatland zum Nachbarstaat, von Kontinent zu Kontinent. Aus der Kultur der Sesshaftigkeit ist eine Zivilisation der Bewegung geworden.

Diese Bewegung verläuft widersprüchlich, komplex und chaotisch. Aber die grobe Richtung ist unverkennbar. Es geht in die Stadt. So wie im England des 19. Jahrhunderts das Verhältnis von der Land- zur Stadtbevölkerung auf den Kopf gestellt wurde, so wird es im 21. Jahrhundert wohl auf der ganzen Welt geschehen. Ende des Jahrhunderts werden schätzungsweise 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben.


Bis im Jahr 2099 werden 75% der Menschen in der Stadt wohnen. Wir brauchen schon heute neue Lösungen für die Mega-Cities der Zukunft.

Legt man die demografischen Projektionen der Vereinten Nationen zugrunde, wären das etwa sieben Milliarden Menschen. Sieben Milliarden Stadtbewohner. Wie soll man sich das vorstellen? Leben sie zusammengepfercht in ein paar Hundert Megacitys, wie in Tokio oder gar in Lagos? Verteilt auf 80.000 Mittelstädte mit jeweils etwa 100.000 Einwohnern? Oder, viel wahrscheinlicher, zerstreut über Urbanisationen aller Größenordnungen, zumeist wohl Konglomerate aus gewachsenen Kernen, geplanten Ergänzungsquartieren und informellen Siedlungen wie Slums oder Flüchtlingslagern an den Rändern?

Wie auch immer der globale Flickenteppich schließlich aussehen wird: Die Wucht der Veränderungen ist beispiellos. Die Urbanisierung des 21. Jahrhunderts wird unsere Zivilisation verwandeln, zumal sich die große Wanderung der Menschheit unter denkbar schwierigen Bedingungen vollzieht. Darüber, wie man den Prozess am besten steuern kann, berät von diesem Montag an in Quito die dritte Gipfelkonferenz des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen.

Die Umwelt wird lebensfeindlicher

Die globale Umwelt – die Lebensgrundlage aller Kulturen – verändert sich ebenso rasant und dramatisch wie das globale Siedlungsmuster. Arten verschwinden, Wasser wird knapp, Böden erodieren an unzähligen Orten, und über allem schwebt die existenzielle Bedrohung des menschengemachten Klimawandels.

Wenn wir unsere Wirtschaftsweise nicht ändern, dürfte sich die planetarische Mitteltemperatur bis zum Jahr 2100 um etwa vier Grad Celsius erhöhen. Damit würde die Menschheit den ökologischen Korridor weit hinter sich lassen, in dem Ackerbau und Viehzucht entstehen konnten. Die Städte der Welt sind auf doppelte Weise mit dem Klimawandel verknüpft.

Schon heute, zu Beginn der großen Urbanisierung, sind die größeren Siedlungen für etwa 70 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich – was bedeutet, dass der Kampf gegen die Erderwärmung nur in den Städten gewonnen werden kann. Zugleich müssen die Städte die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels bewältigen – was schwerer sein wird, als sich die allermeisten Entscheidungsträger heute vorstellen können.

Selbst die Anpassung der urbanen Welt an eine um knapp zwei Grad erwärmte Umwelt – vorausgesetzt, es wird nicht mehr – ist eine planetarische, technische, ökologische, soziale und kulturelle Herausforderung ersten Ranges. Insbesondere, weil die aktuelle Verstädterung hauptsächlich an den Küsten, in ariden Gebieten und an Berghängen empor geschieht. Es sind genau die Gegenden, in denen Menschen und Sachwerte durch den Klimawandel am stärksten verwundbar sind.

Zusammengenommen heißt das: Der ganze Planet bewegt sich hin zu größeren Risiken. Lässt sich der Trend noch umkehren? Und wenn ja, wodurch?


Wir brauchen neue Städte. Die Stadt der Zukunft muss sozial und ökonomisch sein und die politische Teilhabe der Bürger gewährleisten, sonst wird sie den Anforderungen des 22. Jahrhunderts mit fast 7 Milliarden Stadtbewohnern nicht gerecht werden.

Wir brauchen neue Städte

Die Zeit drängt. Am doppelten Trend von Urbanisierung und Klimawandel könnte der soziale und zwischenstaatliche Frieden zerbrechen, der seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Regionen der Erde herrscht. Die Probleme sind gewaltig: Wenn etwa zusätzliche Quartiere für drei Milliarden Menschen nach dem Muster der Vergangenheit aus Blech, Stahl, Glas und Kunststoffen errichtet würden, dann wäre das Treibhausgasbudget schon zur Hälfte verbraucht, das unserer Zivilisation gemäß dem Pariser Klimavertrag noch zur Verfügung steht. Und sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, werden sich im Laufe dieses Jahrhunderts weitere ein bis zwei Milliarden Menschen in informellen Siedlungen niederlassen, wo die Klimarisiken durch Hitzewellen, Stürme, Überflutungen und Seuchen besonders hoch sind.

Menschenwürdige und nachhaltige Städte können nur entstehen, wenn die Siedlung im 21. Jahrhundert anders konzipiert, errichtet, betrieben und regiert wird als in den Jahrhunderten zuvor. Die urbanen Kommunikations-, Mobilitäts- und Energiesysteme müssen treibhausgasneutral werden; die bereits existierenden urbanen Infrastrukturen müssen klima- und ressourcenverträglich umgebaut werden.

Die größte Infrastrukturrevolution in der Geschichte der Menschheit steht an. Urbanisierung muss deshalb zu einem zentralen Thema der Weltpolitik und der internationalen Kooperation werden. Leider sind wir davon heute weit entfernt. Aber die Zukunft der Städte gehört ganz oben auf die Agenden der Vereinten Nationen, der Entwicklungsbanken, der G7, der G20, der bilateralen Zusammenarbeit. Geschieht dies nicht, dann werden die Wege zur Erreichung der hehren 2030-Ziele im wahrsten Sinne des Wortes verbaut.


Die urbanen Kommunikations-, Mobilitäts- und Energiesysteme müssen treibhausgasneutral werden; die bereits existierenden urbanen Infrastrukturen müssen klima- und ressourcenverträglich umgebaut werden.

Teilhabe, Ökologie, Vielfalt

Zugleich werden die Entscheidungen, die man jetzt trifft, lange wirken. Die Maßnahmen und Investitionen der kommenden 30 Jahre schaffen Realitäten für die kommenden ein bis zwei Jahrhunderte. Von ihnen hängt ab, ob eine bessere Entwicklung gelingt.

Die Nachhaltigkeitsziele für 2030 sollten auch für die künftige Stadtentwicklung Maßstab sein. Das heißt:

1. Menschenorientierte Städte können nur entstehen, wenn die soziale, ökonomische und politische Teilhabe der Bürger gewährleistet wird. Der urbane Raum gehört den Menschen, die dort leben.

2. Stadtentwicklung kann weltweit nur gelingen, wenn die Grenzen des Erdsystems und seiner Ökosysteme beachtet werden. Bis spätestens 2070 müssen alle Siedlungen die benötigten Ressourcen in weitgehend geschlossenen Kreisläufen führen oder auf komplett erneuerbare Quellen zugreifen.

3. Urbane Wohlfahrt hängt zudem von der Eigenart, dem spezifischen Charakter der Städte ab: Historisch gewachsene Urbanität schafft Identität; öffentliche Plätze und Räume ermöglichen Austausch und Gemeinschaft; Architektur kann Schönheit, Offenheit, Menschenfreundlichkeit anstelle von Abschottung und Exklusion ausdrücken.

Damit all dies gelingen kann, müssen die Städte, im subsidiären Zusammenspiel mit den Nationalstaaten, künftig mit weitgehenden politischen, finanziellen und institutionellen Kapazitäten ausgestattet werden. Eine Konzentration der Ressourcen auf einige wenige Megastädte ist zu vermeiden – wuchernde Agglomerationen sollten nicht die Zukunft urbaner Entwicklung sein.

Polyzentrische Strukturen hingegen verbessern die Lebensqualität. Stärkere Städte könnten in globalen Netzwerken mehr Einfluss entfalten. Sie könnten sogar nationalstaatlichen Stillstand oder zwischenstaatliche Verwerfungen überwinden, und sie könnten die Interessen und Probleme ihrer Bürger unmittelbarer wahrnehmen und direkter für sie eintreten als die Nationalstaaten. So könnten polyzentrische Strukturen nicht nur unsere Siedlungen prägen, sondern auch die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts. Ob uns der Umbau gelingt entscheidet über die Zukunftsaussichten der menschlichen Zivilisation.

Ein Gastbeitrag von Dirk Messner und Hans Joachim Schellnhuber

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