Wo die Wärmewende schon funktioniert

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Energiewende Deutschland – Erneuerbare Wärme. Bisweilen findet sich die Avantgarde nicht in den Metropolen, sondern in der Provinz. Bei der Energiewende in Deutschland scheint das sogar die Regel zu sein. In dem Städtchen Crailsheim, auf halbem Wege zwischen Nürnberg und Stuttgart gelegen, arbeiten die lokalen Stadtwerke seit Jahren daran, Wärme grün zu machen – sie mit erneuerbarer Energie zu erzeugen statt wie bisher mit Gas, Öl oder Kohle.

Strom zu produzieren mit Sonne und Wind, das ist inzwischen normal. Aber grüne Wärme, das ist immer noch die Ausnahme. Wenn Deutschland aber seine Klimaziele erreichen will, braucht es eine Wärmewende. Pioniere zeigen, wie das gehen kann.

Die Wärmewende muss gelingen

Schon jetzt heizen rund 1500 Menschen im Wohngebiet Hirtenwiesen ihre Häuser mit Sonnenenergie. In einer zweiten Ausbaustufe, finanziert mit Bundes- und Landesmitteln, sollen sich bald 2000 Einwohner zur Hälfte mit grüner Wärme versorgen können. Den Rest trägt ein effizientes Blockheizkraftwerk bei, das Erdgas verbrennt, um Wärme und Strom zu erzeugen.

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Fernwärmenetz Crailsheim. Im Zusammenspiel von Solarenergie, Erwärme und Blockheizkraftwerken lässt sich ein Großteil der Energiekosten sparen.

Sommerwärme wird im Erdinneren gespeichert

Rückgrat des Systems sind Solarkollektoren auf einem Lärmschutzwall sowie auf den Hausdächern, die zusammen die Fläche eines Fußballfeldes bedecken. Sie erwärmen Wasser, das wiederum zwei riesige Kessel mit mehr als einer halben Million Liter Fassungsvermögen zwischenspeichern. Und per Fernwärmenetz die Wohnungen versorgen. Sind sie voll, strömt das heiße Wasser über 80 Rohre in den Untergrund, wo es in 60 Meter Tiefe Gestein erhitzt. So lässt sich die Sonnenwärme bis in den Winter retten.

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Das Fernwärme-Netz Crailsheim erhitzt Gestein in 60 Meter Tiefe, um die Wärme des Sommers für den Winter zu speichern.(Beispielfoto)

Technisch ist das System in Crailsheim spektakulär – mehr erneuerbare Sonnenwärme nutzt kaum eine Siedlung weltweit. Und es zeigt zudem: Es ist effizienter, ganze Wohngebiete und Stadtteile mit Wärme zu beliefern, als wenn jedes Eigenheim eine Burg sein will, die sich selbst versorgt. Vor allem auch deshalb, weil die Sonne schließlich nicht der einzige Wärmelieferant ist. Auch Erdwärme, Abluft aus Räumen und Hitze aus Fabriken und Raffinerien liefern einen immer größeren Teil der Energie für Zehntausende Haushalte. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie produzieren fast kein Kohlendioxid und tragen so nicht zum Klimawandel bei. Sie sind damit sehr viel sauberer als die fossilen Energieträger, mit denen wir immer noch zu mehr als 90 Prozent die Wärme in Wohnungen erzeugen.

Die Wärmewende hat gigantisches Potenzial

Das alles weiß auch die Politik. „Die Energiewende wird nur gelingen, wenn wir die Wärmewende in den Griff bekommen“, erklärt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Deshalb will auch Kollege Sigmar Gabriel (SPD) den Umbau jetzt beschleunigen. Seit dem 1. April fördert der Bundeswirtschaftsminister Haushalte, Unternehmen und Kommunen, die bei der Wärmeversorgung auf die Kraft aus Sonne, Biomasse oder Erdwärme setzen (Förderung neue Heizung >>). Mehr als 300 Millionen Euro stehen für die Projekte pro Jahr bereit. Das ist ein Anfang, im Vergleich zu der Förderung für Dämmung und neue Heizungen von jährlich insgesamt zwei Milliarden Euro eher bescheiden.

Strom und Wärme zu 100 Prozent erneuerbar

Nachfrage gibt es ohne Zweifel, denn in Deutschland hat die erneuerbare Wärme gigantisches Potenzial. In einer groß angelegten Studie kam Hans-Martin Henning, Forscher am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg ISE, zu dem Schluss: „Strom und Wärme lassen sich in Deutschland zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien erzeugen.“ Erdgas und Heizöl müssten nicht mehr importiert werden – die rund 50 Milliarden Euro, die pro Jahr die Deutschen für ihre Wärmeversorgung ausgeben, blieben im Land. Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid würde kräftig sinken.

Dass dies keine bloße Theorie ist, zeigt eine Reise zu den Pionieren der deutschen Wärmewende: zu Stadtwerken, Großunternehmen und kleinen Ingenieurbüros.

Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel: „Das kalte Netz – die Wärme-Revolution aus der Provinz“ >>

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