Zum Grünbuch: Energieeffizienz neu denken

Das Grünbuch Energieeffizienz des BMWi soll eine Diskussionsgrundlage sein. Schön wenn das auch genutzt wird. Robert Busch führt seit 2005 die Geschäfte des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft und setzt sich in einem Artikel auf dialog-energie-zukunft.de kritisch mit dem Buch auseinander. Er sagt: „Das Grünbuch Energieeffizienz ist nicht auf dem neuesten Stand der Debatte.“

Das Grünbuch Energieeffizienz ist nicht auf dem neusten Stand der Debatte

Der Vorschlag einer flexiblen Mineralölsteuer brachte dem vom Bundeswirtschaftsministerium in der Sommerpause veröffentlichten Grünbuch Energieeffizienz für einen kurzen Moment einige Aufmerksamkeit, vielleicht sogar mehr als beabsichtigt. Tatsächlich ist die „Flexi-Steuer“ eher Randnotiz in dem 40-seitigen Katalog ganz unterschiedlicher Handlungsoptionen.

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Energieeffizienz im System denken

Im Zentrum steht die zweite Säule der Energiewende, „Efficiency First“: Vereinfacht gesagt gilt wieder die Devise, nur eine eingesparte Kilowattstunde ist eine gute Kilowattstunde. Hier verbirgt sich ein problematischer Kurswechsel. Das im Grünbuch formulierte enge Effizienzleitbild stammt weitgehend aus der Zeit der endlichen, klimaschädlichen und teuren Energieversorgung allein aus fossilen Großkraftwerken. Das Energiesystem entwickelt sich jedoch immer mehr zu einem System aus vielen Millionen dezentralen und CO2-neutralen Erzeugungsanlagen, die untereinander sowie mit Speichern sowie Wärme- und Mobilitätsanwendungen vernetzt sind und durch Privatinitiative geschaffen werden. Wie groß die Veränderungen sind und wie schnell sie voranschreiten, lässt sich etwa an der aktuellen Diskussion um das Thema Blockchain erkennen. Die Technik ermöglicht es, ohne Zwischeninstanz dezentral erzeugten Solarstrom an benachbarte Haushalte zu verkaufen. Diesen Willen zum Mitmachen und zur Teilhabe des Einzelnen an der Energieerzeugung gilt es weiter zu unterstützen. Der ganze Sinn der EE-Förderung der vergangenen 20 Jahre bestand ja eben darin, dies zu ermöglichen. Erreichtes darf nun nicht durch eine missverständliche Botschaft gefährdet werden, die dem Einzelnen das Gefühl gibt, sein Engagement sei nun nicht mehr gefragt und die Transformation könne vorrangig durch Sparmaßnahmen erreicht werden.

So stellt sich die Frage: ist es immer effizient nur zu dämmen, oder ist es vielleicht effizienter, vor Ort verfügbaren Grünstrom zum Heizen zu nutzen und den alten Öl-Kessel stillzulegen?

Schon insofern ist der im Grünbuch so absolut formulierte Gedanke, dass allein die nicht verbrauchte Kilowattstunde gut ist, weil sie nicht erzeugt, transportiert oder gespeichert werden muss, für die Erneuerbaren zu eng. Im Gegenteil haben wir sogar das Problem, dass immer größere Mengen an Grünstrom abgeregelt werden. Das ist weder effizient noch klimafreundlich. Effizient ist es, Sonnen- und Windstrom intelligent einzusetzen. Effizienz im engeren Sinne ist dabei wichtig, weil nicht unendliche Flächen für EE-Anlagen zu Verfügung stehen, aber sie allein kann die Transformation der Energieerzeugung hin zu den Erneuerbaren nicht schaffen. Es gilt das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.

Ohne Sektorkopplung keinen Klimaschutz

Weil sich also die Energiewelt gewandelt hat, muss sich auch das Effizienzleitbild ändern. Es muss moderner und breiter werden, weg vom simplen Fokus auf das Einsparen, hin zur Systemeffizienz. Diese muss die Sektoren Strom, Wärme und Verkehr intelligent verzahnen, Flexibilität, Investitionsentscheidungen und Energienutzung unter zielorientierten Bedingungen ermöglichen, lokale Unterschiede und regionale Standortfaktoren berücksichtigen und neben Energieeinsparung Raum und stärkere Impulse für den zunehmend privaten Ausbau der erneuerbaren Energien und weiterer Dekarbonisierungsoptionen schaffen. Hierfür zitiert das Grünbuch erste wichtige Ansätze, in dem es etwa die Rolle der Sektorkopplung hervorhebt, ohne die eine wirkliche CO2-Reduktion nicht zu erreichen ist.

Über den Autor

Robert Busch führt seit 2005 die Geschäfte des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft. Der Jurist begann seine Karriere als Justitiar bei der ares Energie-direkt GmbH, arbeitete für die „Task Force Netzzugang“ im Bundeswirtschaftsministerium und war Geschäftsführer der statt-werk GmbH.

Originalartikel erschienen auf dialog-energie-zukunft.de

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